Wien ist beautiful, aber niemals small

Über die Kampagne »Schönheit und Abgrund«

Norbert Kettner / Foto: Christian Wind

Norbert Kettner, Direktor des WienTourismus, vermittelt »Schönheit und Abgrund« der Wiener Moderne in der Welt.

Für Wiens Stadtmarketing gibt es kein Entkommen: 2018 wird nicht nur der Gründung der Republik vor 100 Jahren gedacht. 1918 starben auch vier Titanen der Wiener Kunstwelt: Gustav Klimt und Egon Schiele, Kolo Moser und Otto Wagner. »Wir arbeiten uns aber nicht an den Biografien ab, sondern sehen uns an, was die Wiener Moderne heute weltweit bedeutet«, sagt Norbert Kettner. Als Direktor des WienTourismus verantwortet er die Kampagne »Schönheit und Abgrund. Klimt.Schiele.Wagner.Moser.«. Sie will die bleibende Relevanz jener Kultur vermitteln, die Wien bis 1938 hervorbrachte.

Flaggschiff ist das gleichnamige Magazin, das an den Stil der Secession angelehnt ist. Interviews mit Nobelpreisträger Eric Kandel und Arnold Schönbergs Sohn Ron finden sich ebenso darin wie historische Fotos und neue Zeichnungen, die Klimt und Schiele als »Millennials« vorstellen.

»Wir sehen gerade in Übersee keine Müdigkeit bei diesem Thema«, erklärt Kettner. Wie schon beim Klimt-Jahr 2012 sei es aber Ziel, »der Wiener Moderne die Zähne zurückzugeben«. Das Dekorative, das sich lange Zeit gut für die Wien-Vermarktung eignete, verrät wenig über die Zeit des Umbruchs, die auch mit Antisemitismus einherging. »Wenn man stolz auf die hellen Seiten der Geschichte ist, muss man auch die dunklen Seiten betrachten.«

Sollen die Innovationen, die Wiens Moderne kennzeichneten, als Leitsterne für das 21. Jahrhundert funktionieren, muss Wien freilich aktiv bleiben. »Ich glaube, dass Wien echtes Potenzial bei Kulturtechnologiefirmen und als Marktplatz der Ideen hat«, sagt Kettner. »Auch Social Design war immer schon eine große Stärke: der Bau der Hochquellwasserleitungen, der Gemeindebauten. Wenn Wien heute als Nummer eins in Sachen Lebensqualität rangiert, hat das viel damit zu tun.«

Wien verträgt aus Kettners Sicht durchaus mehr von jenem Repräsentationsbedürfnis, ohne das Wagner, Moser oder Klimt kaum ihre innovativen Werke geschaffen hätten. »Ich sehe dieses ,Small is beautiful‘ mit Sorge, weil es der Rolle der Stadt nicht gerecht wird. Wien ist beautiful, aber es war niemals small. Eine Stadt ist manieriert, auch schlüpfrig – wir müssen schauen, dass wir das nicht verlieren.«

Dass Bewohner ihre Schätze zugänglich machen, ist dem Touristiker ein Anliegen – nur wenige der von Josef Hoffmann, Josef Frank oder Otto Wagner geplanten oder ausgestatteten Villen sind sichtbar. »Wenn ich mir ansehe, wie in Tschechien Privathäuser der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden, können wir uns etwas abschauen«, sagt Kettner. »Wir hocken auf einem Berg von Juwelen und wissen’s nicht einmal.«

www.wienermoderne2018.info

Artikel von Michael Huber:

Michael Huber, geboren 1976 in Klagenfurt, ist seit 2009 für die Kunstberichterstattung der Tageszeitung »Kurier« verantwortlich. Er studierte Kommunikationswissenschaft und Kunstgeschichte in Wien sowie New York (NYU) und schloss 2007 ein Master-Programm für Kulturjournalismus an der Columbia University, New York, ab.


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