Wie Manna in der Wüste

Die Sammlung Batliner in der Albertina

Klaus Albrecht Schröder / Foto: Christian Wind

Seit zehn Jahren verfügt die Albertina mit der Sammlung Batliner als Dauerleihgabe über einen »Lehrpfad der Moderne«, so Direktor Klaus Albrecht Schröder. Eva Komarek sprach mit ihm über Ankaufsentscheidungen, die Zukunft der Sammlung und die Unteilbarkeit der Kunst.

Die Sammlung Batliner ist seit zehn Jahren in der Albertina. Wie hat diese Dauerleihgabe die Positionierung des Hauses verändert?
Klaus Albrecht Schröder: Die größte Veränderung lag darin, dass wir damit zum ersten Mal in unserer Geschichte eine Dauerausstellung hatten. Der Bereich, den die Sammlung abdeckt – die internationale Moderne, die Malerei vom französischen Impressionismus bis Picasso und insbesondere die gegenständlichen Tendenzen vom Pointillismus über den Fauvismus und den deutschen Expressionismus bis hin zum Surrealismus –, war in den Zeichnungssammlungen der Albertina schon vorhanden, eine Schausammlung hatten wir jedoch nicht. Das, weil Erzherzog Friedrich, der letzte Bewohner dieses Palais, nach dem Ende der Monarchie 1918 den Thronverzicht nicht unterschrieben und mit Ausnahme der Zeichnungs- und Grafiksammlung alle Sammlungen mitgenommen hatte. Mit der Sammlung Batliner konnte die Albertina die Unteilbarkeit der Kunst nicht nur in ihrer Ausstellungs- und Präsentationsdoktrin, sondern auch in der Schausammlung realisieren.

Ihnen ist es gelungen, diese Sammlung für die Albertina zu gewinnen. Wie ist es dazu gekommen?
Klaus Albrecht Schröder: Seit vielen Jahrzehnten verbindet mich eine enge Freundschaft mit Senator Herbert Batliner, und ich habe seine Sammlung zum ersten Mal in den 1990er-Jahren in Wien ausgestellt. Ich habe sie dann auch teilweise nach Salzburg vermittelt, und so ist in ihm langsam der Entschluss gereift, sie für die Nachwelt zu erhalten und als Vermächtnis der Öffentlichkeit zu übergeben. Das Konzept, das die Albertina vorlegte, hat Dr. Batliner absolut überzeugt, und ich glaube, es hat bis heute keinen Tag gegeben, an dem er nicht glücklich über diese Entscheidung war. Für Wien, wo 800.000, 900.000 Besucher pro Jahr die Sammlung sehen, kam diese Geschichte der Malerei, dieser Lehrpfad der Moderne wie Manna in die Wüste. Die Wiener Bundesmuseen haben keine vergleichbare Sammlung der modernen Malerei. In kleinen Ansätzen hat Werner Hoffmann in den frühen 1960er-Jahren versucht, so etwas im damals gegründeten Museum Moderner Kunst im 20er Haus zu etablieren, doch das ist mangels Möglichkeiten schon im Ansatz steckengeblieben.

Wird die Sammlung erweitert?
Klaus Albrecht Schröder: Seit wir sie 2007 übertragen bekommen haben, hat Herbert Batliner nicht auf­gehört zu sammeln. Er hat die Sammlung mit über 35 Millionen Euro weiter verbreitert. Mit wenigen Ausnahmen hat er vor allem Gegenwartskunst gekauft. Im Zentrum stehen Georg Baselitz, Arnulf Rainer, Anselm Kiefer und Alex Katz.

Was passiert mit der Sammlung im Falle des Ablebens von Dr. Batliner?
Klaus Albrecht Schröder: Seine Kinder haben einen Vertrag unterzeichnet, der vorsieht, dass die Sammlung in der Albertina bleibt. Sie ist als Vermächtnis des Sammlerehepaares Herbert und Rita Batliner unteilbar und unveräußerlich.

Wie werden Ankaufsentscheidungen gefällt?
Klaus Albrecht Schröder: Grundsätzlich ist das seine Entscheidung, aber ich mache ihm Vorschläge. Es wird normalerweise nichts erworben, was wir nicht gut finden. Es muss zu seiner Persönlichkeit, seinem Sammlerauge passen und die Sammlungslücken schließen. Erwerbungen wie die »Liegende« von 1909, wahrscheinlich eine der bedeutendsten Arbeiten Erich Heckels, oder das letzte Gemälde, das Ernst Ludwig Kirchner in Dresden gemalt hatte, bevor er 1911 nach Berlin übersiedelte, durfte ich ihm vorschlagen. Er hat meine Empfehlung mit Freude aufgegriffen und die Werke für die Sammlung erworben.

Wie sehr sind Museen von solchen Leihgaben abhängig?
Klaus Albrecht Schröder: Vollkommen. In Deutschland ist das gang und gäbe: Der Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart der Nationalgalerie in Berlin besteht aus zwei großen Dauerleihgaben; die Sammlung Brandhorst in München, für die Bayern ein großes Museum errichtet hat, gehört weiterhin Brandhorst; das halbe Kunsthaus Zürich besteht aus Dauerleihgaben … Es ist gut, dass es Menschen gibt, die ihre Kollektion der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Das ist ein langwieriger Prozess und nicht jeder Sammler ist dazu bereit. Dr. Batliner hat über 40 Jahre gesammelt, ehe er den Entschluss fasste, die Sammlung der Öffentlichkeit zu übergeben. Kein Museum könnte heute den Francis Bacon, die zehn Picassos, die frühen Mirós und Chagalls, die wir haben, aus dem Budget der öffentlichen Hand erwerben. Das ist aber nicht neu. Wilhelm von Humboldt hat schon vor 200 Jahren gesagt: Wir sammeln Sammler, weil wir so arm sind.

Artikel von Eva Komarek:

Eva Komarek wurde die Liebe zur Kunst als Tochter eines Künstlers in die Wiege gelegt. Beruflich widmete sie sich bei Dow Jones, dem »Wall Street Journal«, Reuters und dem »WirtschaftsBlatt« der Wirtschaftsberichterstattung. Im »WirtschaftsBlatt« gründete sie die Rubrik »Kunstmarkt«, die sie ab 1996 betreute.


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