Was kann Wien?

Newcomer der Galerienszene berichten

Magdalena Zeller, Laura Windhager, Cornelis van Almsick, Oliver Croy, Henrikke Nielsen und Sophie Tappeiner (v. l. n. r.) Foto: Christian Wind

Wiens Neo-Galerien: Wo einst wenige, gut eingespielte Häuser den Markt für sich allein hatten, tummelt sich zusehends eine Generation junger Galeristinnen und Galeristen, die nicht nur aufregende Kunst im Portfolio haben, sondern oft auch eigene Sammler mitbringen. Sophie Tappeiner, Cornelis van Almsick, Henrikke Nielsen, Laura Windhager und Ilaria Leoni haben Patricia Grzonka verraten, was sie nach Wien verschlagen hat.

Sophie Tappeiner eröffnete im Frühjahr 2017 An der Hülben, vis-à-vis der Galerie Emanuel Layr im ersten Bezirk, in den erprobten Räumen der ehemaligen Galerie Insam. Die Kunsthistorikerin, die in England studiert hat, kam vor drei Jahren nach Wien. »Ich habe mich ursprünglich für Wien entschieden, weil ich hier ein großes Potenzial für die Vermittlung von junger Kunst gesehen habe. In Wien existiert eine tolle Szene, die bisher viel zu wenig sichtbar gewesen ist.« Zu dieser Szene gehören zweifellos die beiden Kunstuniversitäten mit ihren vielfältigen Aktivitäten und Aktionen. Mit Cornelis van Almsick von der Galerie Zeller van Almsick hat sich ein Neo-Galerist in Wien niedergelassen, der bereits zuvor ambitionierte Alternative- Space-Projekte in der Stadt entwickelte. Nun wagte er zusammen mit Magdalena Zeller den Schritt in die professionelle Vertretung von Künstlerinnen und Künstlern. Was hält ihn in Wien? »Was sich bereits seit Jahren abzeichnet, manifestiert sich gerade in neu gegründeten Galerien und Alternative Spaces: Wiens junge Szene sprüht vor Kreativität und Tatendrang! Unsere Sammler kommen zum überwiegenden Teil aus dem Ausland, und für die gibt es hier viel zu entdecken.«

Die Galerie Croy Nielsen ist zwar ein »echter« Neuzugang in Wien, aber das Galeristenpaar Oliver Croy und Henrikke Nielsen hat bereits in Berlin Mitte einen eigenen Ausstellungsraum betrieben. Die Lücke zwischen den etablierten Galerien und der nachrückenden Generation bewog die beiden dazu, nach Wien zu übersiedeln. Ihren Space in einer Altbauwohnung am Parkring eröffneten sie im Oktober 2016. Für Nielsen war vor allem das spezielle Klima der Stadt ausschlaggebend dafür, diesen Schritt zu wagen. »Wien hat viel zu bieten, es ist eine Stadt, die gern besucht wird. Mir gefällt der hier laufende Diskurs, ich spüre eine Neugier gegenüber der Kunst und gegenüber dem, was wir machen.« Und wie sind ihre bisherigen Erfahrungen als Zuzüglerin? »Äußerst positiv, wir fühlen uns hier sehr willkommen.«

Welche Chancen hält Wien für eine junge Galerie bereit? Etwas abseits des sich neu formierenden Galerienclusters im ersten Bezirk mit Schwerpunkt beim Stubentor eröffnete Gianni Manhattan von Laura Windhager in der Wassergasse im dritten Bezirk. Auch sie betreibt ihren Space in Wien vorwiegend mit jungen Künstlern. »Wien ist ein idealer Nährboden für junge Galerien. Es ist ja nicht so, dass man hier in einem kulturellen Vakuum sitzt, ganz im Gegenteil: Wien hat eine langjährige, komplexe Kulturszene, hoch angesehene Institutionen und eine internationale, etablierte Galerienszene. Diese bereits vorhandenen Strukturen ermöglichen es, junge künstlerische Positionen schnell und gut zu vernetzen. Man verliert keine Zeit für den Aufbau der nötigen Infrastruktur.« Leistbare Immobilien und Galerienförderungen sind zudem ökonomische Argumente, die nicht nur Laura Windhager erwähnt. Im Vergleich zu den großen europäischen Kulturstädten ist Wien zumindest im Moment noch erschwinglich.

Nach einer ersten nomadischen Vermittlungstätigkeit in Rom zog Ilaria Leoni im vergangenen Jahr mit ihrer Galerie Ermes-Ermes nach Wien, in die ehemaligen Pferdestallungen in Naschmarktnähe. Das Potenzial dieses Raumes war für sie ein entscheidender Grund, nach Wien zu kommen. Leoni war auf der Suche nach einem Ort, der die Künstler inspirieren könnte – und hat ihn zweifellos gefunden. Nun frischt sie die Szene mit römischem Esprit und einem internationalen Kunstprogramm auf.

Fünf weitere neue Galerien zusätzlich zu den New­comer-Spaces der vergangenen Jahre: Fast könnte man meinen, es wird eng in Wien, aber die Neuzuzügler der Galerienszene sind da ganz anderer Ansicht. Optimistisch blicken sie auf die Tatsache, dass sich gerade eine Gruppe von jungen Galeristinnen und Galeristen in der Stadt zu etablieren beginnt, und so wird auch weniger in Konkurrenz denn in gemeinsamen Netzwerken gearbeitet.

Artikel von Patricia Grzonka:

Patricia Grzonka, geboren in St. Gallen, Schweiz, lebt als Kunsthistorikerin, Kuratorin und Autorin in Wien. Sie schreibt über Architektur und Kunst für die »Neue Zürcher Zeitung«, »Monopol« und »Kunstbulletin«. Ihre Texte sind unter anderem in »Art«, »Frieze«, »springerin«, »profil« und »Texte zur Kunst« sowie in zahlreichen Kunst- und Architekturpublikationen erschienen.
patriciagrzonka.net


Share your selection:
Add event to selection