Unerwartete Schnittstellen

Von Körpern, Chirurgen und künstlerischen Methoden

Michael Stampfer und Christina Lammer / Foto: Marlene Rahmann

Seit Jahren beschäftigt sich Christina Lammer mit dem menschlichen Körper und seiner Wahrnehmung in Medizin und Gesellschaft. Warum sie als Soziologin zunehmend künstlerische Methoden nutzt und wieso Natur­wissenschaft und Kunst ausgerechnet im Operationssaal aufeinandertreffen, erzählte sie im gemeinsamen Gespräch mit Michael Stampfer, Direktor des WWTF.

Es sind schöne, poetische, bisweilen verblüffende Bilder, die Christina Lammers Arbeit hervorbringt. Die Frage nach Körpern und Körperlichkeiten in der Medizin, die zu ihrem Spezialgebiet geworden ist, führte sie einst weg von althergebrachten sozialwissenschaftlichen Methoden. Im Versuch, der im Fiktionalen zwar vielfach abgebildeten, für reale Einblicke aber oft verschlossenen Welt der Chirurgie näherzukommen, fand sie zum Bild als erkenntnisbringendem Medium. Statt Interviews und Fragebögen auszuwerten, macht sie heute Filmaufnahmen im und um den OP-Saal oder lässt Chirurgen selbst zum Pinsel greifen: »Mir geht es darum, Methoden zu entwickeln, die uns erlauben, konkrete Handlungsweisen erfahrbar zu machen. Das ist eine andere Art von Wissen.«

Lammers Praxis lotet disziplinäre und institutionelle Grenzen aus, stößt aber bei Betrachtern mitunter auch an die Schmerzgrenze. Sie reibt sich an landläufigen Klischees von über- bis unmenschlichen Göttern in Weiß gleichwie an alten Körpertabus. Grundsätzlich sieht die Forscherin kritische und emotionale Reaktionen als positives Zeichen. Gegen den Vorwurf des Voyeurismus oder der Glorifizierung der Chirurgen­figur wehrt sie sich jedoch: »Mich interessiert vielmehr der Beziehungsaspekt; etwa die Frage, wie ein Chirurg, der in den menschlichen Körper hineinschneiden muss, Vertrauen herstellt, und zwar auf körperlicher ebenso wie auf verbaler Ebene.« Es ist also das verkörperte Vermögen des Chirurgen, das – ebenso wie die Körper der Patienten – zur Untersuchung steht.
In einer interessanten Dopplung ihrer eigenen Hybridrolle zwischen Forschung und Kunst entdeckt Lammer in der chirurgischen Praxis immer wieder individuelle und intuitivere Handlungsweisen, die über normierte Regeln und naturwissenschaftliches Fachwissen hinausgehen und ans Künstlerische grenzen. Für Michael Stampfer, Leiter des Wiener Wissenschafts-, Forschungs- und Technologiefonds (WWTF), der mehrere von Lammers Projekten gefördert hat, birgt die unorthodoxe Forschungsmethodologie echtes Potenzial: »Das Künstlerische ist ein Element, um der Realität auf die Spur zu kommen und Evidenz zu erzeugen. Das klingt wie ein Widerspruch, ist aber keiner.«

Artikel von Daniela Fasching:

Daniela Fasching, geboren 1986 in Eisenstadt, hat in Wien und London (Royal Holloway) Anglistik und Kunstgeschichte studiert. Sie arbeitet im Bereich Museumspädagogik (Kunsthalle Wien) und Wissenschaftskommunikation (ACDH) in Wien. Zu ihren Interessensschwerpunkten gehören Kulturvermittlung, Rezeptionsästhetik sowie die Thematisierung von gesellschafts- und identitätspolitischen Fragen in der bildenden Kunst.


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