Transforming Technology

Zur (künstlerischen) Form der Zukunft

Oliver Laric, Sleeping Boy, 2016 Courtesy The Artist & Tanya Leighton Gallery

»Transforming Technology« bedingt eine Neuver­teilung der Kräfte im Spannungsfeld von Unmittelbarkeit und medialer Vermittlung, realer Gegenwart und Absenz. Welche Rolle die Kunst dabei einnimmt? Sie kann technologische Entwicklungen kritisch reflektieren, »analoge« Gegenbewegungen forcieren und Qualität prononcieren.

Die stahlblauen Augen der Figur bewegen sich, sie glühen und sind von einem inneren Licht erleuchtet. Sie suchen Blickkontakt mit dem Betrachter. Die lebensgroße Skulptur von Jordan Wolfson, die aussieht, als wäre sie einem Cartoon entsprungen, ist eine poppige Mischung aus Huckleberry Finn, Alfred E. Neuman und Howdy Doody. Sie ähnelt anderen Charakteren des US-amerikanischen Künstlers, die manchmal zu Skulpturen werden, manchmal zu Darstellern in Animationsfilmen. Das Erstaunlichste ist jedoch, dass diese mit neuester animatronischer Technologie und Gesichtserkennungssoftware ausgestattete Gestalt, die Wolfson mithilfe von Freunden aus dem Silicon Valley entwickelte, dem Besucher voller Empathie tief in die Augen blicken und eine breite Palette von Gefühlen zwischen Ärger und Schmerz ausdrücken kann. Die Technologien der sogenannten vierten industriellen Revolution machen also auch vor der Kunst nicht halt. Automatisierung, Digitalisierung und technologische Aufrüstung der Gegenwart perforieren den Alltag und prägen nachhaltig auch die ästhetische Sensibilität. Das moderne Leben wird von Smartphone, Tablet und Co. dominiert und navigiert. Die Informa­tionsüberflutung durch digitale Datenströme und die Kommunikation im globalen Maßstab in den sozialen Netzwerken hat ein neues Level erreicht: Sowohl Teenager als auch Spitzenpolitiker nutzen Facebook, Instagram, Twitter oder Snapchat. Virtuelle und reale Welten verschmelzen zu einer »Augmented Reality« der binären Codes, die Leben und Arbeiten radikal verändert. Man fühlt sich an Science-Fiction-Visionen aus dem 19. Jahrhundert erinnert, die von der entelechetischen Ausfaltung des menschlichen Geschicks durch naturwissenschaftliche Erfindungen träumten. Parallel zu den utopischen Machbarkeitsträumen und Allmachtsfantasien machte sich ein prekäres Lebensgefühl breit, durchsetzt von ominösen Ängsten und diffusen Erwartungen. Auch heute ist diese existenzielle Erschütterung wieder zu spüren, dieses Hin- und Hergerissensein zwischen Glorifizierung und Dämonisierung, Anpassung und Zweifel. »Es war noch nie der Fall, dass etwas so mächtig, omnipräsent und zunehmend unverzichtbar ist wie das Internet«, sagt Lorraine Daston, Direktorin des Max-Planck-Instituts für Wissenschaftsgeschichte in Berlin. »Denken Sie an die Flugblätter der Reformation und Gegenreforma­tion, da wurde auch erfunden und verzerrt. Jede Medienrevolution bringt eine Periode der Anarchie und des Experimentierens«, erklärt sie und verweist auf die aktuellen postfaktischen Energien, die in Phasen großer Veränderung und Destabilisierung auftreten.

Ein Blick auf die historische Entwicklung zeigt, dass neue Technologien immer auch unübersehbare Spuren in der Kunst hinterlassen haben. Einerseits brachte sie gesellschaftliche und mediale Innovationen mit sich, andererseits reflektierten Künstler und Künstlerinnen in ihren Werken die politischen und sozialen Umwälzungen, die mit industriellen Neuerungen und damit einhergehenden Veränderungen des Arbeitsmarktes, der Mobilität und der Lebensräume verbunden waren.
Seit der Moderne galten Film und Fotografie als »Transforming Technologies«, die, so Walter Benjamin, die »Aura« des Kunstwerks im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit auslöschten und zu einem künstlerischen und rezeptionsästhetischen Paradigmenwechsel führten. Der Verlust des Anspruchs auf Originalität lieferte dann auch die Voraussetzung für zahlreiche konzeptuelle Strömungen in der Kunst des 20. Jahrhunderts. Bereits in den 1950er-Jahren experimentierten künstlerische Pioniere wie Herbert W. Franke, George Nees und Frieder Nake mit elektronischen Maschinen und Computern, die beim Militär, in Krankenhäusern und in Universitäten eingesetzt wurden. »Sie können zeichnen wie Leonardo da Vinci, komponieren wie Pergolesi und malen wie Mondrian«, schrieb der »Spiegel« 1968 anlässlich einer Ausstellung über die Bilder spuckenden Maschinen. Die frühen Entwicklungen kulminierten in visuellen Ausprägungen kinetischer, numerischer und kybernetischer Kunst, die in der legendären Ausstellungsreihe »Nouvelle Tendance« (1961–1973) in Zagreb ihren Höhepunkt fand. Über eine derzeit aktuelle Kunst­strömung, die schwer greifbare und heftig umstrittene Post-Internet-Art, sagt der institutionell gehypte Engländer Ed Atkins, der dieser Stilrichtung zugeordnet wird: »Wenn ich aufschreiben sollte, worum es sich genau bei dieser Kunst handelt, wäre es wohl ein einziges Chaos.« Seine High-Definition-Videos mit computergenerierten Avataren und elaborierten Texten zwischen Medienphilosophie und Metapoesie beschwören medienreflexiv das Entstehen und Vergehen von Technologien auf der Höhe der gegenwärtigen Bildproduktion. In Österreich lebende Künstler gründeten wie Andy Boot und Valentin Ruhry die Internetplattform cointemporary.com, mit der sie das bestehende Kunstmarktsystem aushebeln wollen, oder produzieren wie Oliver Laric mittels 3-D-Drucks Kopien von historischen Skulpturen. Die Argentinierin Amalia Ulman, die in Los Angeles lebt, benutzte die sozialen Netzwerke, um sich mithilfe einer fiktiven Biografie ein Alter Ego auf Instagram zu schaffen: Sie inszenierte sich in ihren Fotografien als Hot Chick, das sich von einem Sugar-Daddy aushalten lässt und schließlich durch Yoga geläutert wird. Die vermeintlich wahre Geschichte flog auf und provozierte einen Kunstskandal.

Die Überprüfung der Realität ist durch den Einschluss des Selbst in digital konstruierte Welten nicht leichter geworden. Es geht längst nicht mehr um Pro- und Kontra-Argumente gegenüber neuen Technologien oder um den alten Konkurrenzkampf von Mensch und Maschine. Durch die prothetische Ausstattung mit Hightech-Tools und digitalen Körperextensionen sind wir längst zu cyborgartigen Wesen mutiert – die Vorstellung von Authentizität und existenzieller Selbstgewissheit muss unter diesen Auspizien neu diskutiert werden.

»Transforming Technology« bedingt eine Neuverteilung der Kräfte im Spannungsfeld von Unmittelbarkeit und medialer Vermittlung, realer Gegenwart und Absenz. Die Rolle der Kunst beschränkt sich dabei nicht nur auf strukturelle Integration und mediale Appropriation. Sie kann die neuesten technologischen Entwicklungen seismografisch vermessen und kritisch reflektieren, »analoge« Gegenbewegungen wie das Wiederbeleben des Handwerks und materialästhetische Strömungen forcieren und letztendlich Qualität in einem breiten Feld der Beliebigkeit erkennen und prononcieren.

Artikel von Robert Punkenhofer und Angela Stief:

Robert Punkenhofer ist Künstlerischer Leiter der VIENNA ART WEEK und Gründungsdirektor von Art&Idea. Als Kurator arbeitet er an der Schnittstelle von Kunst, Design, Architektur und internationaler Wirtschaft. Er kuratierte die Murinsel mit Vito Acconci in Graz ebenso wie die Teilnahme Österreichs an den Weltausstellungen in Aichi, Japan, Saragossa, Spanien, und Shanghai, China. Nach über 100 künstlerischen Projekten auf drei Kontinenten realisierte er zuletzt Ausstellungen im Triennale Design Museum Mailand sowie am Goethe Institut Barcelona. Er ist Gastprofessor an der New York University und Mitglied des Princeton University/PLAS International Advisory Board.

Angela Stief ist selbstständige Kuratorin und Publizistin. Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Kuratorin an der Kunsthalle Wien (2002–2013). Seit 2003 Lehraufträge im In- und Ausland. Regelmäßige Publikationen und Texte über zeitgenössische Kunst in Ausstellungskatalogen und Magazinen.


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