Skulpturalität des Sounds

Die akustischen Trugbilder des Florian Hecker

Florian Hecker, Formulation, installation view, Preis der Nationalgalerie 2015, Hamburger Bahnhof – Museum für Gegenwart, Berlin, 11. Sept. 2015–17. Jan. 2017 © the artist / Courtesy Sadie Coles HQ, London

»Halluzination, Perspektive, Synthese«: Der Titel der Florian-Hecker-Ausstellung in der Kunsthalle Wien scheint Programm. Die Arbeiten des Künstlers eröffnen einen Bereich der Klangforschung und Klangmanipulation, in dem die Kohärenz der Erfahrung durchbrochen wird.

Sound als Skulptur: Das meint bei Florian Hecker – obwohl er auch Ausstellungen mit Installationskünstlern wie Cerith Wyn Evans, Mark Leckey oder John McCracken bestreitet, die oft an psychedelischen Effekten interessiert sind – keineswegs eine Umdeutung der Trägermedien des Sounds zu minimalistischen Kunstobjekten, die den visuell möglichst reduzierten Raum bespielen und in ihrer physischen Präsenz markieren. Der Sound soll bei dem Künstler, der in der Wiener Elektronikszene der 1990er-Jahre künstlerisch sozialisiert wurde, nicht sichtbar werden – ein Wunsch, wie ihn etwa der Titel der Ausstellung »See this Sound« im Lentos-Museum 2009 als Eintrittsbedingung der Sound-Art in den White Cube formuliert hatte. Vielmehr soll der Sound in seiner materiellen Dimension und nicht in seiner visuellen Übersetzung zum Gegenstand der Untersuchung unter digitalen Bedingungen werden. Die Lautsprecher dienen daher bei Hecker nicht, wie es beispielsweise in einer Arbeit von Mark Leckey der Fall ist, als raumfüllende Fetischobjekte einer dissidenzfreudigen und affektgeladenen Pop- und Jugendkultur, sondern als bescheidene funktionale Einbauten.

Die Skulpturalität des Sounds, genauer: seine spatiale Qualität, entsteht auf einer ersten Ebene durch eine perspektivische, dezidiert nichtimmersive Lenkung des Schallintensität. Diese manifestiert sich auch in Heckers puristischer Verweigerung von Mehrkanal­mischungen, sowohl in den Installationen als auch auf seinen Tonträgern, die auf Elektroniklabels wie Editions Mego oder Pan erschienen sind. Im Kunstraum bedeutet Perspektivität zunächst einmal: Je nachdem, in welchem Abstand man sich zu den Klangquellen befindet, ändert sich die Erfahrung des Hörens radikal. Zudem prozessiert Hecker in seinen aktuellen Arbeiten die Ordnung der computergenerierten Klänge selbst auf eine Weise, die die Orientierung des Ohrs im Raum destabilisiert. Hecker kreiert akustische Trugbilder, bei denen die visuelle Ortung der Soundquelle nicht mehr mit der akustischen Wahrnehmung übereinstimmt. Diesen Prozess der Illusionsgenerierung, der durch die systematische Überformung einer Soundquelle durch eine zweite entsteht, nennt Hecker in Anlehnung an eine Wortfindung des Neuroakustikers Bertrand Delgutte »Chimerization«, auf Deutsch »Chimärisation«.

In den vergangenen Jahren hat sich diese Praxis der Veränderung »topologischer Volumen«, wie Florian Hecker seine Datenanordnungen nennt, von möglichst referenzlosen, computerbasierten Sounds auf die menschliche Stimme und ihre Manipulation ausgeweitet. Das Naheverhältnis zu dem spekulativen Realismus zugeordneten Philosophen wie Quentin Meillassoux, der Hecker in einem Begleittext zur CD »Speculative Solutions« das Stichwort »Hyperchaos« als Kompositionsidee für plötzliche Intensitätsumschläge von den oft gequetschten Klangepisoden in extrem kristallin wirkende Noise-Ausbrüche lieferte, äußert sich im Interesse an der Materialität des »Objekts« Schall. In diesem Kontext entstanden Arbeiten wie »Chimerization« für die 2012 stattfindende documenta 13, die anhand eines eingesprochenen Librettos des iranischen Schriftsteller und Philosophen Reza Negarestani den Übergang von Semantik in Sound, von Narration in Gestammel auslotet.

Hecker begreift seine Arbeit mit den Möglichkeiten des Sounds als Umgang mit jenen paradoxen Seinsformen namens »Immaterialien«, die der französische Philosoph Jean-François Lyotard 1985 in einer viel beachteten Ausstellung im Pariser Centre Pompidou präsentierte. Diese ungreifbaren Immaterialien werden in Kooperation mit einem Team von Spezialisten der Signalverarbeitung, Audio-Programmierung und Psychoakustik durch die Entwicklung von selbstverfassten Algorithmen generiert und später editiert. Die künstlerisch-wissenschaftliche Autorenschaft beginnt für Hecker schon bei der Programmierung – ähnlich wie Duftkreateure heute Moleküle designen und so bereits vor jeder menschlichen Wahrnehmungsfähigkeit in eine Wirklichkeit eingreifen, die später sinnlich erfahren werden kann. Die Spannung zwischen Erforschung und Manipulation von Wahrnehmbarem beschreibt Hecker als Möbiusschleife. Auf der einen Seite des Bands wird das in Algorithmen Formulierbare verzeichnet, das sich auf der anderen Seite als das Verrückte fortsetzt. Insofern erscheint auch der Titel der neuen Ausstellung in der Kunsthalle Wien als Programm: »Halluzination, Perspektive, Synthese«.

Artikel von Thomas Edlinger:

Thomas Edlinger ist Leiter des Donaufestivals in Krems und arbeitet als Radiomacher und Autor. Ab dem Wintersemester 2016/17 hat er einen Lehrauftrag an der Universität für angewandte Kunst Wien im Fachbereich Kunst und Wissenstransfer inne.

Florian Hecker studierte Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien sowie Computerlinguistik und Psycholinguistik an der Universität München.
Ausstellungen u. a.: Sadie Coles London; MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt; Hamburger Bahnhof, Berlin. Florian Hecker lebt und arbeitet in Kissing, Deutschland, und Edinburgh, UK.


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