Ohne Alternative

Alternative Spaces 1050

Franziska Niemand (Hinterland Galerie), Nadine Wille (Künstlerhaus 1050), Barbara Höller (sehsaal), Gudrun Wallenböck (Hinterland Galerie) und Andreas Perkmann Berger (Kunstraum SUPER) (v. l. n. r.) / Foto: Christian Wind

Von Kunstschaffenden betriebene Räume verbinden fast immer die eigene künstlerische Praxis mit der Befragung künstlerischer Praktiken. Sie agieren utopisch, verknüpfen das Individuelle mit dem Allgemeinen. Der Begriff »Labor« wird hier an seinem Ursprung umgesetzt: dort, wo sich die Praxis der Werkfindung mit jener des Ausstellens verschränkt.

In Wiens fünftem Bezirk finden sich in hoher Dichte autonome Kunstvereine, die sehr diversifiziert agieren. In Summe ermöglichen sie dadurch einen weiten Blick auf die unterschiedlichen Aspekte zeitgenössischer Kunst. Gegenwärtiges Kunstschaffen kennzeichnet sich vor allem durch die Vielschichtigkeit seiner Prozesse und Werke – ein eindeutiges, lineares Verständnis solcher Prozesse verfehlt meist den Punkt. Daher ist es gesellschaftspolitisch wertvoll, wenn in einer engen Geografie, einem Bezirk, all die Heterogenität, Parallelität und Multiplizität zeitgenössischer Kunstbegriffe präsentiert wird.

Die hier vorgestellten Projekte sind, branchenüblich, alle als Grassroots-Initiativen entstanden und können so auf natürliche Weise Kunst an ihrem Ursprung thematisieren – in klassischen Institutionen wie Sammlungen, Museen oder Kunsthallen ist das selten möglich.

Von Kunstschaffenden betriebene Räume verbinden fast immer die eigene künstlerische Praxis mit der Notwendigkeit einer allgemeineren Befragung künstlerischer Praktiken. Sie verknüpfen das Individuelle mit dem Allgemeinen und verringern die Distanz zwischen diesen – sie agieren utopisch. Die jeweilige thematische Ausrichtung ist meist direkte Konsequenz des künstlerischen Interesses der Betreibenden, die (oft an gleicher Adresse) ihren eigenen Schaffensprozessen nachgehen.

Ursprüngliche Motivation ist überwiegend die Sichtbarmachung von Theorien und Lösungen der Zeit­genossen, nicht zuletzt, um diese verhandelbar zu machen. Alternative Spaces wohnt daher auch das Moment der Selbstermächtigung inne – in der heutigen Vielschichtigkeit künstlerischer Kanons können diese effektiv mitgeformt und ausgeweitet werden. Alternative Spaces sind selten an Einnahmen aus Verkäufen der ausgestellten Werke interessiert; finanziert werden sie stattdessen von den Betreibenden sowie traditionell mittels öffentlicher Förderungen seitens des Bezirks, der Stadt und des Bundeskanzleramtes.

Um einen sinnvollen Ausstellungsbereich schaffen zu können, werden häufig die angeschlossenen Atelierbereiche kleingehalten – hier, im fünften Wiener Bezirk, etwa bei Pina, Schaustelle oder Kunstraum SUPER. Der von Institutionen so gerne genutzte Begriff des »Labors« wird in solchen Räumen also an seinem Ursprung umgesetzt: dort, wo sich die Praxis der Werkfindung mit jener des Ausstellens verschränkt.

Die präsentierte Diversität ist enorm: Hinterland ist ein Ort für interkulturelle, interdisziplinäre Projekte mit Fokus auf Kunstschaffende aus dem Mittleren Osten. See you next Thursday fokussiert das Thema künstlerischer Kollaboration. SIZE MATTERS verbindet stets zumindest zwei Positionen aus bildender Kunst und Film, die in einen räumlichen Dialog treten. sehsaal präsentiert architektonische und künstlerische Interventionen, um Raum und Räumlichkeit als Medium zu thematisieren.

wellwellwell, ursprünglich für die Etablierung von Gastkuratierungen bekannt, erarbeitet heute verstärkt kollaborative Praktiken zwischen Kunsträumen. Hervorgehoben sei zudem die von Gerhard Wolf 2014 gegründete Schaustelle, wo »Josef Who?« Videospiele als Teil der Gegenwartskultur denkt, entwickelt und präsentiert – partizipativ, interaktiv, gesellschaftlich. So kann man die Betreibenden von Alternative Spaces als kulturelle Dienstleister verstehen, die gegenwärtige künstlerische Tendenzen feinfühlig abtasten: Sie beginnen ein Bild zu formen, das etablierte (und meist stabilere) Institutionen im Sinne des kulturellen Gedächtnisses abrunden. Der ursprüngliche Ort wird aber immer der Alternative Space sein, den man aus dieser Perspektive eher als »alternativlos« bezeichnen muss.

Auffallend ist das nahezu vollständige Fehlen von Zusammenarbeit zwischen den Raumbetreibenden. Es erklärt sich aus dem Fokus, den die Räume setzen: auf ein bestimmtes Medium, Material, kuratorische Gedanken. Neben der Organisation eines Raumes und dem Verfolgen der eigenen künstlerischen Praxis bleibt wenig Zeit für anderes. Interessanterweise haben Initiativen wie wellwellwell oder See you next Thursday jedoch damit begonnen, diese Leerstelle in ihr kuratorisches Konzept zu integrieren. Es bleibt spannend, welche Synergien und Kunstbegriffe sich daraus entwickeln werden.

Artikel von Christian Bazant-Hegemark:

Christian Bazant-Hegemark, geboren 1978, agiert als Maler und Kurator. Vertreten wird er von der Galerie Voss, Düsseldorf. Studium der Bildenden Kunst an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Gunter Damisch, Daniel Richter, Harun Farocki. Doktorat der Philosophie ebendort 2011 bis 2015 (Elisabeth von Samsonow, Felicitas Thun-Hohenstein). Diverse Einzelausstellungen, Auszeichnungen und Residenzen. Lebt und arbeitet in Wien.


Share your selection:
Add event to selection