Manche Bilder sind Verben, andere Nomina, andere Adjektive

R. H. Quaytman im Gespräch mit Herwig Kempinger

Rebecca H. Quaytman und Herwig Kempinger

Während der VIENNA ART WEEK wird in der Secession eine Ausstellung der amerikanischen Künstlerin R. H. Quaytman eröffnet. Herwig Kempinger, Präsident der Secession, sprach mit Quaytman über ihre Arbeitsweise, über die »hieroglyphische Lesart« ihrer Werke und über Metaphern.

Herwig Kempinger: Sie arbeiten in Kapiteln. Woher kommt dieser Bezug zu Büchern?

R. H. Quaytman: Ursprünglich wollte ich mit der Buch-Metapher zum Ausdruck bringen, dass die Ausstellungen nicht abgeschlossen sind, sondern aufeinander aufbauen und zusammenhängen. Die Vorstellung von Kapiteln impliziert, dass ein größeres Ganzes dahintersteckt, das so in der jeweiligen Ausstellung nicht zu sehen ist.

Herwig Kempinger: Es steckt also hinter jedem Kapitel eine eigene Ausstellung?

R. H. Quaytman: Ja, aber erst durch die Abfolge der Ausstellungen ergeben sich thematische Querverbindungen und Wiederholungen, als würde das Buch dahinter ein bestimmtes Ziel verfolgen.

Herwig Kempinger: Kommen wir zu Ihrer Ausstellung in Wien: Sie haben zwei barocke Gemälde des flämischen Künstlers Otto van Veen im Bestand des Kunsthistorischen Museums untersucht und sogar deren Restaurierung gefördert. Wie sind Sie überhaupt auf die zwei Werke gekommen?

R. H. Quaytman: Das war purer Zufall. Eine befreundete Brüsseler Kunsthistorikerin, Sabine van Sprang, ist eng mit der Kunsthistorikerin Gerlinde Gruber, Kuratorin des Kunsthistorischen Museums, befreundet. Gerlinde hatte Sabine erzählt, dass sie in einem seit Langem nicht bespielten Ausstellungsraum des Museums auf zwei Gemälde gestoßen sei. Wahrscheinlich konnte nur eine Frau auf die beiden außergewöhnlichen Werke aufmerksam werden. Der Punkt ist, dass ich mich in früheren Kapiteln selbst mit einigen der Themen auseinandergesetzt hatte, die in den zwei alten Gemälden aufgegriffen werden – mit Persien, Amazonen, Sexualität und bildlicher Geschichtsdarstellung. Ganz abgesehen davon liebe ich es, mich in Restaurierwerkstätten aufzuhalten und mich mit Experten über Materialfragen auszutauschen. Wodurch verfallen Gemälde? Wie werden sie aufbewahrt? Wie reisen sie durch die Epochen? Ich habe schon Bilder auf Basis von Röntgen-, Infrarot- und Thermografieuntersuchungen angefertigt – zunächst ausgehend von Malewitschs »Weißem Quadrat« im MoMA und später von Paul Klees »Angelus Novus«.

Herwig Kempinger: Ihr Forschungsgegenstand wechselt je nach Ausstellungsort, Ihre Mittel aber bleiben fast immer gleich: Malerei, Fotografie, Siebdruck …

R. H. Quaytman: Ja, ich greife immer wieder auf bestimmte Methoden zurück: Ich mache zum Beispiel grundsätzlich Malerei. Die Bilder entstehen ausnahmslos auf Gesso-grundierten Holzpaneelen mit abgeschrägten Kanten und sind proportional miteinander verbunden. Mir stehen dabei zehn Formate zur Verfügung. Die fünf Rechtecke orientieren sich durchwegs am goldenen Schnitt und haben ineinander geschachtelte Quadrate eingeschrieben. Im Lauf der Zeit habe ich ein System entwickelt, das es mir erlaubt, bei der Hängung mittels Hypotenuse die Abstände zwischen den Bildern zu bestimmen. Manchmal stelle ich die Bilder auch in oder auf Regale.

Herwig Kempinger: Wenn Sie im Regal ein Bild vor einem anderen positionieren, bleibt es dann bei dieser Anordnung oder kann sie später auch überworfen werden?

R. H. Quaytman: Das hängt vom Kontext ab. Jedes Bild muss als Werk oder Konzept für sich funktionieren. Ob es vor oder neben einem anderen Bild platziert wird, ist nicht entscheidend.

Herwig Kempinger: Ihre Arrangements sind also temporär?

R. H. Quaytman: Genau. Wenn nicht ausdrücklich anders angegeben – beziehungsweise wenn nicht ein Bild auf ein zweites genagelt ist, was bei mir gelegentlich vorkommt –, dann können die Bilder auch einzeln oder anders als beim ersten Mal gehängt werden. Mir ist aber aufgefallen, dass Sammler, die mehrere Arbeiten gekauft haben, manchmal unschlüssig sind, wie sie diese anordnen sollen. Irgendwann habe ich einen Leitfaden zusammengestellt, weil die Hängung der Bilder immer wieder die von mir intendierte »hieroglyphische Lesart« verhinderte. Um das Problem zu entschärfen, orientierte ich mich an der Innengeometrie.

Herwig Kempinger: Kommt es vor, dass Sie Sammlern nach Jahren sagen, sie sollten die Bilder umhängen?

R. H. Quaytman: Nein, ich halte nur selten Kontakt zu Sammlern. Mir ist auch klar, dass man sich von seinen Werken trennen, sie in die Welt ziehen lassen muss, wo sie für sich selbst stehen. Aber natürlich ist es spannend zu sehen. Mich interessiert, wie Bilder einander beeinflussen, wie ein Bild sich aufgrund des benachbarten Werkes verändert. Diese geometriebedingte Wechselwirkung ist immer da.

Herwig Kempinger: Weil die Werke in einen Dialog miteinander treten …

R. H. Quaytman: Genau so ist es – wie in einem Satz: Manche Bilder sind Verben, andere Nomina, wieder andere Adjektive … Wahrscheinlich lässt sich meine Arbeit nur mit solchen Metaphern beschreiben.


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