Kunst und Technologie

Versuch einer Gegenwartsdiagnose

Mladen Bizumić, Ausstellungsansicht »Mladen Bizumić. Kodak: Reorganization Plan«, Georg Kargl BOX, Wien, 2015, Courtesy Georg Kargl Fine Arts, Wien Foto: Matthias Bildstein

Stephanie Damianitsch, Kuratorin des Leopold Museum, und die Künstler Mladen Bizumić und Anita Witek verfolgen die »Spuren der Zeit«. Anlässlich der gemeinsamen Ausstellung sprechen sie über eine analytische Bildkultur, Medienwechsel, Ereignisse im Hier und Jetzt und darüber, wem die Zukunft gehört.

Die in den vergangenen Jahren entwickelten Technologien haben weit reichende gesellschaftliche Veränderungen zur Folge. Ihre transformierende Kraft dringt in den Alltag, die Arbeit und die Kunst. Worum geht es in der Ausstellung »Spuren der Zeit«, und welche Rolle spielt dabei das Thema »Transforming Technology«?
Stephanie Damianitsch: Die Ausstellung fokussiert auf den Dokumentarismus. Es geht aber nicht um das Aufzeichnen von Fakten und Ereignissen, sondern darum, wie sich visuelle Kultur medial kristallisiert. Im Vordergrund stehen jene Medien, die historisch am engsten mit dem Dokumentarischen verbunden sind, also Film und Fotografie. Das Thema »Transforming Technology« spielt insofern eine Rolle, als die Schau das Verhältnis von Analog und Digital, die Auswirkungen des Medienwandels auf unsere Wahrnehmung und die Kunst selbst untersucht.

Mladen Bizumić, die Werkserie »Kodak: Reorgani­zation Plan« setzt sich mit der Geschichte der 1880 gegründeten Firma Kodak auseinander. 2012 ging sie bankrott, weil sie sich den digitalen Entwicklungen nicht angepasst hat …
Mladen Bizumić: 2006 kam das erste iPhone auf den Markt, daraufhin sanken die Verkäufe von Kodak-­Filmen um 15 bis 20 Prozent pro Jahr. Als die Firma Konkurs anmeldete, ging für mich eine Ära zu Ende. Der Wechsel von Analog zu Digital ist viel mehr als nur eine Frage der ästhetischen Präferenz. Analoge Fotografien auf Papier sind physische Objekte, digitale
Bilder hingegen frei zirkulierende Daten, die Raum, Zeit und unsere Aufmerksamkeit auf unterschiedliche Weise okkupieren.

Anita Witek, in der Serie »Best of …« arbeiten Sie mit Printmedien aus den 1970ern. Sie entfernen Motive und Protagonisten, collagieren dann Hintergründe, Strukturen und Räume zu medialen Spiegelungen der Zeit. Welche Rolle spielen das Digitale und das Analoge in Ihrem Werk?
Anita Witek: Ich verwende analoge Techniken, um Rezeptionsprozesse zu entschleunigen und ein bewusstes Ereignis im Hier und Jetzt zu schaffen. »Best of …« ist eine durch und durch analoge Arbeit: das vorgefundene Bildmaterial, der Akt des Schneidens, beispielsweise in ein Buch, das Fotografieren mit analogem Film, die in der Dunkelkammer händisch ausgearbeiteten Fotodrucke …

Welche Auswirkungen haben die technologischen Innovationen auf die zeitgenössische Kunst?
Anita Witek: Fotografie im traditionellen Sinn existiert nicht mehr. Ein einzelnes Bild hat wenig Bedeutung. Autorschaft und Aneignung haben einen völlig neuen Stellenwert. Mich interessiert, wie und wo sich Kunst und Kommerz miteinander verknüpfen und an welchen Stellen sich dieses Konglomerat völlig ungefragt in unser Leben schleicht – zum Beispiel an Nahtstellen wie Instagram, Pinterest etc.

Mladen Bizumić, nutzen Sie Soziale Medien wie Facebook, Instagram, Snapchat und Co. für Ihre Arbeit?
Mladen Bizumić: Ich setze mich in meiner Arbeit mit der digitalen Bildkultur auseinander, woraus eine permanente Verlagerung der Produktionsmittel resultiert. Die tatsächliche Frage ist jedoch, ob wir die technischen Entwicklungen kontrollieren können oder uns von ihnen und den Personen, die sie programmiert haben, dirigieren lassen. Ich empfehle in diesem Zusammenhang das Buch »Who Owns the Future?« von Jaron Lanier.

Reflektieren Sie in Ihrer Arbeit die Konsequenzen der fortschreitenden Digitalisierung, der virtuellen Realität und der Industrie 4.0 auf die Gesellschaft?
Mladen Bizumić: Wir müssen solche Erneuerungen historisieren. Für mich als Künstler kann jedes fotografische Werkzeug dazu beitragen, Aspekte der gesellschaftlichen Realität sichtbar zu machen, es ist aber auch anfällig für Täuschung, Verlockung und Korruption.
Anita Witek: Meine raumgreifenden Collagen sollen Orte schaffen, an denen Seh- und Wahrnehmungsgewohnheiten im Schatten von Daten- und Bildströmen neu hinterfragt werden. Für meine begehbaren Collagen, die sich über Wände, Böden und für den jeweiligen Ausstellungsraum gefertigte Konstruktionen ausbreiten, verwende ich oft großformatige Papierstücke aus Werbekampagnen und entferne Inhalte.

Haben Sie den Eindruck, dass sich die Gegenwartskunst im Äther des Digitalen und einer Welt des Immateriellen verflüchtigt?
Stephanie Damianitsch: Nein, eigentlich nicht. Jedes Kunstwerk, egal wie konzeptuell es angelegt ist, hat eine materielle Basis und entwickelt einen konkreten Erfahrungsraum. Kunst, die sich bewusst mit einem Medienwechsel beschäftigt, kann oft eine Analyse der gesellschaftlichen Bedingungen anbieten.

Artikel von Angela Stief:

Angela Stief ist selbstständige Kuratorin und Publizistin. Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Kuratorin an der Kunsthalle Wien (2002–2013). Seit 2003 Lehraufträge im In- und Ausland. Regelmäßige Publikationen und Texte über zeitgenössische Kunst in Ausstellungskatalogen und Magazinen.


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