Kunst-Display des Unbewussten

Ein kurzer Blick auf die Contemporary Art Collection des Sigmund Freud MUSEUMS

Monika Pessler / Foto: Christian Wind

Während der VIENNA ART WEEK zeigt das Sigmund Freud Museum Ausschnitte seiner Contemporary Art Collection. Dafür wird die frühere Praxis Freuds für das Publikum erstmals zugänglich.

Es gibt wenige Adressen, die man sofort jemandem zuordnen kann. Wien, Berggasse 19, zählt wohl dazu. In diesem Haus befanden sich Wohnung und Praxis Sigmund Freuds, des Vaters der Psychoanalyse, bevor er mit seiner Familie im Juni 1938 nach London flüchten musste. In 20 Maresfield Gardens verbrachte er dann die kurze Zeit bis zu seinem Tod im September 1939. Dort ist heute das Freud Museum London eingerichtet. Ein Haus voll mit seinen einstigen Besitztümern. Hier finden sich die Couch, ein Großteil seiner Antiken. Ein Ort »voll mit Dingen, die längst Fetischcharakter besitzen«, meint Monika Pessler, seit 2014 Direktorin des Wiener Freud Museums.

Ein Haus, das im Hinblick auf sein Londoner Pendant als die »Kehrseite der Medaille« aufgefasst werden kann. Heute stellt das Wiener Museum einen mehr oder weniger »entkernten Erinnerungsort« dar, wie Pessler die Historikerin Lydia Marinelli zitiert, und »eröffnet trotz oder gerade wegen seiner Leerstellen einen sinnlich erfahrbaren Denk-Raum ebenso wie spezifischen Ort des Gedenkens«.

Das Museum lockt inzwischen auf nur 280 Quadratmetern 100.000 Besucher im Jahr an. Denn das Interesse an der Auseinandersetzung mit Freud und seinem Werk, seinem Wirken, das die Welt nachhaltig beeinflusst hat, hält ungebrochen an. Wird nicht nur kulturhistorisch aufbereitet und sichtbar gemacht, sondern gerade auch durch Kunst, besonders die zeitgenössische, erfahrbar.

Monika Pessler spricht hier von einer grundsätzlichen Haltung: »Es macht nur Sinn, kulturelles Erbe zu bewahren und zu aktivieren, wenn man es in den zeitgenössischen Diskurs einbringt. Damit einen Beitrag zu aktuellen Fragestellungen leistet. Die Kunst ist ein wunderbares Instrument, um Vergangenheit und Gegenwart miteinander zu verknüpfen und die Psychoanalyse und ihre Möglichkeiten auch kritisch zu befragen. Schon Thomas Mann hat Freuds Arbeit als ,Kulturwerk‘ bezeichnet. Als solches gehört es über die Therapieform hinaus aktiviert und diskutiert.«

In diesem Sinne besitzt das Freud Museum inzwischen eine stattliche Sammlung zeitgenössischer Kunst, vor allem Beispiele der konzeptuellen Kunst. Den Ursprung, die Anregung, verdankt die »Contemporary Art Collection« des Sigmund Freud Museums vor allem dem Konzeptkünstler und Freud-Kenner Joseph Kosuth. Er hat 1989, im 50. Todesjahr Freuds, auf ­Vermittlung von Peter Pakesch die Arbeit »Zero & Not« für das Freud Museum geschaffen. Es folgte ein Aufruf Kosuths an seine Kolleginnen und Kollegen, ebenfalls Kunst zu stiften und zu schenken, berichtet Pessler. Seit 1990 sind so Werke vieler international bekannter Künstler in die Sammlung gelangt, wie etwa von John Baldessari, Pier Paolo Calzolari, Clegg & Guttmann, Jessica Diamond, Marc Goethals, Georg Herold, Jenny Holzer, Ilya Kabakov, Sherrie Levine, Haim Steinbach, Franz West und Heimo Zobernig.

Und es ist ein im Prozess befindlicher Dialog von Künstlern mit dem »Kulturwerk« des Psychoanalytikers, denn die Sammlung wächst. Und so sind in der jüngeren Zeit Arbeiten von Susan Hiller, Wolfgang Berkowski und Victoria Brown in die Sammlung gelangt. Zum 75. Todestag von Freud, 2014, war der Bestand unter der kuratorischen Ägide von »Gründungskünstler« Joseph Kosuth im 21er Haus zu sehen. Jetzt, im Rahmen der VIENNA ART WEEK, ist ein Teil wieder kurz der Öffentlichkeit zugänglich. Für diesen Ausschnitt wird die frühere Praxis Freuds zum ersten Mal für das Publikum geöffnet. Räume, wo heute noch der alte Holzofen in der dunklen Küche mit den originalen Kacheln steht, auf dem sich Freud einst seinen Tee gekocht hat. Es ist auch ein Vorblick auf das Jahr 2020, wenn sich das Sigmund Freud Museum rundum modernisiert, mit doppelter Museumfläche, erweitert um die ehemaligen Privaträume der Familie Freud, und neu aufgestellt präsentieren wird.

Die frühere Praxis soll dann den Werken der Konzeptkunstsammlung als permanente Ausstellungsfläche dienen. Für Pessler sind damit zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: »Das neue Museumskonzept ermöglicht es, die Kunst als einen wesentlichen Beleg der vielschichtigen Rezeptionsgeschichte Freuds sowie der Psychoanalyse zu präsentieren. Und das an jenem Ort, an dem Freud die Methode der freien Assoziation entwickelt hat, um unbewussten Vorgängen nachzuspüren und diese ins Bewusstsein zu heben. Die ehemalige Bestimmung der Ausstellungsräume, jetzt Displays, kann zumindest tendenziell mit denen der Kunst in eins gesetzt werden – diese Entsprechung von Kunstwerk und Umfeld ermöglicht eine besondere Wahrnehmung der ausgestellten Werke und ihrer Bedeutungen, ebenso wie sie uns vielleicht Einblicke der anderen Art in das Wesen der Psychoanalyse erlaubt.«

Artikel von Stefan Musil:

Stefan Musil lebt als Kunsthistoriker, freier Kulturjournalist und Musikkritiker in Wien.


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