Klischees interessieren mich nicht

Hubert Klocker über den Wiener Aktionismus

Hubert Klocker / Foto: Christian Wind

Hubert Klocker leitet die Sammlung Friedrichshof. Seit 2016 ist der Stadtraum Sammlung Friedrichshof als Mitglied des Art Cluster Vienna Teil der VIENNA ART WEEK. Im Interview spricht Klocker über die Position der Wiener Aktionisten heute, über Aufarbeitung und Aufholbedarf der Museen, etwa wenn es um Muehl oder Nitsch geht.

Sie leiten eine der umfangreichsten und wichtigsten Sammlungen zum Wiener Aktionismus. Mit »Friedrichshof« assoziiert die Masse dennoch wohl Kommune und Skandale. Wie arbeiten Sie dem entgegen?
Hubert Klocker: Sie haben Recht, es ist die umfangreichste Privatsammlung mit Arbeiten der Aktionisten aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Eine Auswahl zeigen wir kontinuierlich, und wir kontextualisieren die Bestände mittels eines international ausgerichteten Ausstellungsprogramms. Heuer präsentieren wir neuere Arbeiten von Helmut Lang. Dank dieser Arbeit wird zunehmend registriert, dass sich der Friedrichshof seit dem Ende der Kommune 1990 zu einem Ort mit Hotel, Haubenrestaurant, Wohn- und Erholungsraum und eben Ausstellungsräumen verändert hat. Allerdings machen wir das aus eigener Kraft und werden nicht von öffentlicher Seite finanziert. Das ist schwierig und inzwischen ziemlich einzigartig in Österreich.

Wie sehen Sie die alten Skandalklischees? Oder sind die Aktionisten im Mainstream angekommen? Man denke an die Nitsch-Bilder im Büro des vormaligen niederösterreichischen Landeshauptmannes Erwin Pröll etc.
Hubert Klocker: Klischees interessieren mich nicht. Sie verstellen nur den Blick auf das Wesentliche. Tatsache ist, dass der Wiener Aktionismus eine Phase der kunsthistorischen Aufarbeitung durchlaufen hat. Welche Bilder sich Politiker ins Büro hängen, ist für die seriöse inhaltliche Beurteilung nicht relevant.

Wie und in welche Richtung wollen Sie die Wahrnehmung des Aktionismus lenken?
Hubert Klocker: Es geht darum, durch seriöse und kritische Vermittlung zu sensibilisieren. Der Wiener Aktionismus ist eine tiefsinnige, keine leichte, angenehme und dekorative Kunst. Er legt den Finger in Wunden, die nach den Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die geistige und kulturpolitische Entwicklung der österreichischen Gesellschaft bestimmt haben – bis heute. Die Künstler haben ein psychohygienisches Angebot gemacht und gleichzeitig Arbeiten in prachtvoller und zukunftsweisender Formensprache entwickelt. Ich konnte im musealen Vermittlungsprozess meinen Beitrag leisten. Das war oft nicht einfach – man bedenke, dass aus politischen Gründen keiner der Künstler Österreich bei der Biennale vertrat oder eine Professur an der Kunstakademie angeboten bekam. Das sagt einiges.

Wie haben Sie zum Aktionismus gefunden?
Hubert Klocker: Mich hat schon als Gymnasiast in den 1970ern die Intermedialität herausgefordert. Bei einem Studienjahr in den USA lernte ich wichtige Performance-Theoretiker wie Herbert Blau und Richard Schechner kennen. In der Folge habe ich die international wichtige Position erkannt und konnte das bald in Ausstellungen und Büchern umsetzen.

Hat sich Ihre Wahrnehmung, Ihr Interesse mit der Zeit verändert?
Hubert Klocker: Die Herausforderung liegt in der Intermedialität. Die einzelnen Werkpositionen sind komplex, der Blick darauf ändert sich ständig. Die Gesamtbeurteilung von Nitsch leidet darunter, dass sich die Aufmerksamkeit auf seine Malerei konzentriert. So hervorragend diese ist, kaum jemand hat sein Hauptwerk, das 6-Tage-Spiel des Orgien Mysterien Theaters, miterlebt. Hermann Nitsch hat das Theater beeinflusst, er ist Komponist und Regisseur. Darauf habe ich mit einer Ausstellung im Theatermuseum hingewiesen.

Wie weit ist die Aufarbeitung aus Ihrer Sicht gediehen? Haben die Wiener Aktionisten den ihnen zustehenden Platz in der Kunstgeschichte?
Hubert Klocker: Ja, den haben sie. International werden sie als wesentlicher Beitrag zur performativen Wende in der Kunst wahrgenommen. In der österreichischen Kunstgeschichte stehen sie in der direkten Genealogie der Wiener Moderne. Ich bin froh, dass ich beiden Interpretationen maßgeblich Antrieb geben konnte.

Wie bewerten Sie die Aufmerksamkeit der öffentlichen Museen?
Hubert Klocker: International ist noch viel zu tun. Der Anstoß dazu muss aber aus Österreich kommen. Das Museum moderner Kunst hat in Überblicksausstellungen notwendige Arbeit geleistet. Alle Museen, vor allem das Belvedere und die Albertina, sind aber gefordert. Eine seriöse Aufarbeitung des Werks von Otto Muehl steht vollkommen aus, da ist seine skandalöse Biografie nicht hilfreich. Kaum jemand kennt ihn wirklich. Die letzte umfassende Ausstellung Rudolf Schwarzkoglers liegt 25 Jahre zurück, auch eine kritische Gesamtdarstellung des malerischen Werks von Nitsch wäre hoch an der Zeit.

Artikel von Christine Imlinger:

Christine Imlinger ist Redakteurin der Tageszeitung »Die Presse« in Wien.


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