Grauzonen ausleuchten

Der neue Direktor des Österreichischen Filmmuseums im Gespräch

Michael Loebenstein / Foto: Christian Wind

In den vergangenen 15 Jahren stand das Österreichische Filmmuseum unter der Leitung von Alexander Horwath. Künftig wird Michael Loebenstein als neuer Direktor die Geschicke »einer der agilsten Cinémathèquen Europas« (»Der Spiegel«) lenken.

Was sind Ihre wichtigsten Ansatzpunkte, die künftige Leitung und Ausrichtung des Österreichischen Filmmuseums betreffend?
Michael Loebenstein: Das Wichtigste ist nach meiner Ansicht, sich auf den Begriff des Museums zu konzentrieren. Was unterscheidet ein Filmmuseum beispielsweise vom Arthouse-Kinobetrieb, aber auch von Archiven und Bibliotheken? Was ich dabei paradigmatisch herausstellen möchte, ist, inwiefern ein Filmmuseum ein Ort des Denkens und der Produktion ganz spezifischer Archivzugänge sein kann. Die Art und Weise, wie wir heute über audiovisuelle Medien kommunizieren, wie wir Geschichte und unser Leben aufzeichnen, generiert eine immer größere Datenflut. Museen können Orte sein, wo man ganz gezielt Fragen zu Geschichtlichkeit und Ästhetik von Kunst und Aufzeichnungsmedien stellen kann. Also eher Orte der Reduktion als der Ausweitung und des Überflusses.

Film wird heute ganz selbstverständlich als eigenständige und hochwertige Kunstform angesehen. Inwiefern lässt sich hier im institutionellen Zusammenhang noch etwas künstlerisch nobilitieren? Oder muss man sich zwangsläufig auf die Verwaltung eines gewissen Erbes beschränken?
Michael Loebenstein: Die Bewahrung und die Vermittlung eines gewissen Erbes stellen zweifellos zentrale Aufgaben dar. Für den Film, als Kinokunst betrachtet, gilt es daher, die bestmöglichen Ausstellungsbedingungen zu schaffen, aber auch dem Publikum einen bestimmten Kanon von bedeutsamen Werken zu offerieren. Was die Nobilitierung betrifft, so gibt es in Bezug auf die großen – überwiegend männlichen – Autoren nicht mehr viel zu tun. Wo man aber tatsächlich noch interessante Entdeckungen machen kann, sind die Grenzbereiche des Films zu anderen Gattungen. Das ist die starke Tradition des Avantgardefilms, die ich nicht als abgeschlossen betrachten möchte, sondern als in einem lebendigen Dialog stehend: Wie gehen zum Beispiel neuere digitale, skulpturale oder installative Werke mit Bewegtbildern um? Wie verändern diese Medien unser Verständnis von Räumen und Körpern? Welche Geschlechterkonstruktionen werden vorgenommen? Wie funktioniert, ganz elementar gedacht, das »Schreiben mit Licht« beziehungsweise der Umgang mit Ton? Hier kann man meines Erachtens in einen interessanten Dialog mit anderen Feldern treten.

Die Kanon-Erweiterung ist, was die Geschichte des Mediums Film beziehungsweise des Dispositivs Kino betrifft, inzwischen weit fortgeschritten. Lässt sich hier überhaupt noch so etwas wie Expansion betreiben?
Michael Loebenstein: Was die Etablierung und sukzessive Erweiterung eines bestimmten Kanons betrifft, hat das Filmmuseum in der Vergangenheit sehr viel geleistet. Deswegen liegen meine Leidenschaften auch eher in einem anderen Bereich, nämlich darin, Film stärker als Produktionszusammenhang oder als kulturelles Aufzeichnungsverfahren zu denken. Mich interessieren beispielsweise besonders die »kleinen« und ephemeren Formen, oder die Frage der »Nützlichkeit« von Bildern – Film im Auftrag einer gewissen Gesellschaftsbildung. Daneben möchte ich aber auch gerne innerhalb bestimmter Genres und Produktionszusammenhänge, etwa im ost- und südosteuropäischen Kino, auf Entdeckungsreise gehen. Ebenso sollte die Frage nach einem postkolonialen Kino, etwa in Lateinamerika oder in Südostasien und im Pazifik, stärker beleuchtet werden.
Gibt es sonst noch signifikante »Fehlstellen« oder Versäumnisse, die in den vergangenen Jahrzehnten nicht hinreichend bedacht wurden und die es nun aufzufüllen gilt?
Michael Loebenstein: Ich würde hier weniger von Versäumnissen sprechen als von Auslassungen, was bestimmte Fragestellungen innerhalb des etablierten Kanons betrifft. Die Rolle weiblicher oder feministischer Filmschaffender zum Beispiel ist etwas, was ich ganz und gar nicht als marginal betrachte. Außerdem möchte ich die Frage des queeren Filmschaffens noch einmal allgemein beziehungsweise historisch aufrollen. Auch weibliches Avantgarde-Filmemachen ist bislang im Katalog des Filmmuseums kaum vertreten. Diesbezüglich wäre ein aktueller feministischer Blick auf die Geschichte des Avantgardefilms höchst spannend.

Der Film, wenn auch nicht das Kino, existiert inzwischen in unzähligen Erscheinungsformen. Soll oder kann dieser Erscheinungsvielfalt in der Institution Museum Rechnung getragen werden? Oder zählt vorrangig das, was man lange Zeit als das »Essenzielle« des Films betrachtet hat?
Michael Loebenstein: Das Essenzielle hat in jedem Fall seinen Platz, gleichzeitig muss es aber auch ständig neu befragt werden. Was ich mir darüber hinaus für das Filmmuseum vorstelle, ist, die neuen Übergangs- und Transformationszonen auszuleuchten, in die Film und Kino gegenwärtig eintreten. Das Museum darf nicht bloß eine Ausstellungshalle sein, sondern sollte mehr nach Art eines wissenschaftlichen Labors und im dynamischen Gefüge mit anderen Institutionen funktionieren.

Artikel von Christian Höller:

Christian Höller ist Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift »springerin – Hefte für Gegenwartskunst«.


Share your selection:
Add event to selection