Geschichten, die das darüber gewachsene Gras erzählt

Wie Naturdarstellungen Historie aufdecken

Rainer Fuchs / Foto: Christian Wind

Rainer Fuchs, Kurator der Ausstellung »Naturgeschichten« im mumok, erläutert, wie sich Geschichte in die Natur einschreibt und warum die Natur einen verschleiernden Effekt auf den Umgang der Gesellschaft mit der Vergangenheit haben kann.

Die Kunstgeschichte kennt die Landschaftsdarstellung. Ihre Ausstellung nennt sich »Naturgeschichten« … Was ist der Unterschied zwischen Landschaft und Natur?
Rainer Fuchs: »Landschaft« und »Natur« sind zwei sehr offene Begriffe. Es kommt auf den Kontext an, in dem sie verwendet werden. Den Begriff »Natur« habe ich gewählt, weil Natur meist als geschichtsfrei gilt. Auf der anderen Seite gibt es ein Geschichtsbild, das über die Naturalisierung stark politisiert wird. Mich interessiert nicht die klischeehafte Darstellung der idyllischen, geschichtsfreien Natur, sondern wie Naturdarstellungen Historie aufdecken. Der Untertitel der Ausstellung lautet entsprechend »Spuren des Politischen«.

Mit der Natur, dem »Natürlichen« gehen immer auch Identitätszuschreibungen einher. Wie wirkt die Ausstellung dem entgegen?
Rainer Fuchs: Indem Naturdarstellungen gezeigt werden, die kritisch mit Geschichte umgehen. Es gibt da etwa die Naturrechtslehre, mit der heute noch das Gottesgnadentum bemüht wird – von der FPÖ, aber auch von der ÖVP, wie jüngste Wahlkämpfe gezeigt haben. Eine Grundlage der Naturrechtslehre ist die theologische Auffassung, dass es etwas Göttliches, Naturgegebenes gibt, das nicht historisch hinterfragt werden kann. Hier geht es aber darum, dass historische und jüngere politische Ereignisse, die sich in der Natur spiegeln, kritisch reflektiert werden.

Die Natur ist Projektionsfläche sowohl wirtschaftlicher als auch politischer Interessen. Wie wird das breite Feld der Ausstellung thematisch und zeitlich eingegrenzt?
Rainer Fuchs: Arbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren sind zentral, weil die Reflexion der damaligen Konzeptkunst über die Rahmenbedingungen der Kunst zum Teil auch eine politische war. Politisch ist auch das Naturmotiv bei Marcel Broodthaers’ Wintergarten »Un Jardin d’hiver« von 1974. Er verhandelt darin Exotismus und Kolonialismus – die Sehnsucht nach fremden Kulturen bei gleichzeitiger ökonomischer Ausbeutung derselben. Eine andere wichtige historische Position ist Joseph Beuys’ Aktion »I Like America and America Likes Me«, in der er den amerikanischen Imperialismus kritisiert. Und Hélio Oiticica protestierte 1967 mit der aus Sandlandschaft, tropischen Pflanzen und lebenden Papageien bestehenden Installation »Tropicália« gegen die brasilianische Militärdiktatur. Aber auch Positionen aus Osteuropa wie die der Künstlergruppen OHO und SIGMA sind zentral für diese Zeit.

Was ist mit der österreichischen Geschichte?
Rainer Fuchs: Da haben zum Beispiel Ingeborg Strobl und Lois Weinberger in ihren Naturdarstellungen immer einen geschichtskritischen Ansatz vertreten. Ein Ausstellungskapitel ist der Auseinandersetzung mit Nationalsozialismus und Holocaust etwa bei Miroslaw Balka, Tatiana Lecomte, Christian Kosmas Mayer und Heimrad Bäcker gewidmet. Wir zeigen Objekte und Mauthausen-Fotografien aus dem umfangreichen Bäcker-Archiv des mumok. Bäcker wurde übrigens als Literat bekannt und hat als einer der Ersten das faschistische Erbe in der Sprache aufgearbeitet: »Der Führer als Fels in der Brandung« ist ein Beispiel für die Naturalisierung von Sprache, die Bäcker analysiert hat.

Wie schreibt sich ein Verbrechen wie der Holocaust in die Natur ein?
Rainer Fuchs: Es gibt Bilder, die man zunächst nicht mit dem Holocaust assoziieren würde, wie eine Foto­serie des rumänischen Künstlers Ion Grigorescu: Die nachkolorierten und mit Texten versehenen Bilder zeigen eine junge Frau in idyllischer Landschaft. Dass sie später in Auschwitz umgebracht wurde, macht die Fotos zu Dokumenten des Holocaust.

Die Natur scheint in dem Fall Geschichte eher zuzudecken?
Rainer Fuchs: Das Zudecken ist der Natur eigen. Es geht in der Ausstellung auch um das Verbergen und Verschleiern, um das sprichwörtliche Gras, das man über einen schrecklichen Geschichtsabschnitt hat wachsen lassen. Durch das Aufzeigen dieser Ver­schleierung kann man den Blick auf die Geschichte aber wieder freilegen. Von Anri Sala haben wir einen Film vom Zoo in Tirana: Tiere spazieren aus dem verfallenden, überwucherten Zoo und werden zur Metapher einer Gesellschaft, die außer Kontrolle geraten ist.

Ein Vermittlungsprogramm scheint mir für einige Arbeiten unumgänglich.
Rainer Fuchs: Wir bemühen uns, historische Zusammenhänge durch Vermittlung zu beleuchten, wobei manche Arbeiten selbst textliche Elemente beinhalten. Der Text zu einer Installation von Ingeborg Strobl über verfallene Sennhütten im Alpengebiet legt dar, dass das alpine Hüttensterben unmittelbar mit urbanem Konsumverhalten zusammenhängt und das Erscheinungsbild der Natur von gesellschaftlichen Entwicklungen abhängt.

Artikel von Christa Benzer:

Christa Benzer ist Redaktionsmitglied der Kunstzeitschrift »springerin« und freie Mitarbeiterin der Tageszeitung »Der Standard«.


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