Form folgt Paragraph

Planen und Bauen im Paragraphendschungel

Karoline Mayer, Angelika Fitz und Martina Frühwirt (v. l. n. r.) / Foto: Christian Wind

Welche Gesetze brauchen wir? Welche Vorschriften sind widersprüchlich? Und welche Regeln erfüllen in erster Linie Partikularinteressen? Die Ausstellung »Form folgt Paragraph« im Architekturzentrum Wien widmet sich der Frage, wie sich Baurecht und Normen auf Stadt und Architektur auswirken.

Österreichische Planer und Architekten machen sich schon seit Jahrzehnten darüber lustig, dass zwischen Burgenland und Vorarlberg die Menschen anders gehen und die Häuser anders brennen. Wie sonst ließe sich erklären, warum sich die Regelwerke in Europa so stark voneinander unterscheiden. Den bisweilen eklatanten Differenzen in Sachen Stiegensteigung, Geländerhöhe und Brandschutzklasse ist kaum noch mit Logik zu begegnen. Doch wie kommen all diese Normen, Richtlinien und Bauvorschriften zustande? Und kann man inmitten dieses Paragraphendschungels überhaupt noch den Überblick bewahren, geschweige denn kreative Leistung erbringen?

Mit Fragen wie diesen beschäftigt sich die Ausstellung »Form folgt Paragraph«, die am 22. November 2017 im Architekturzentrum Wien eröffnet wird. »Eine der zentralen Fragen dieser Schau wird sein, wie sich Normen und Baurecht auf die Architektur auswirken und inwiefern sie die Stadt mitgestalten«, sagt Angelika Fitz, neue Direktorin des Az W, die am 1. Januar dieses Jahres in die Fußstapfen des Gründungsdirektors Dietmar Steiner getreten ist. »Denn tatsächlich ist die gebaute Umwelt, in der wir leben, nicht nur von kreativen, sondern auch von ökonomischen und vor allem von juristischen Kräften geprägt und geformt.«

Ob sich die Ausstellung an Juristen, Sachverständige und Paragraphenreiter richtet? »Ganz im Gegenteil«, sagen die drei Kuratorinnen Martina Frühwirth, Karoline Mayer und Katharina Ritter. »Unser Ziel ist es, eine niederschwellige und auch humorvolle Ausstellung zu machen, in der wir Laien und Interessierten einen Einblick geben können, warum Architektur so aussieht, wie sie aussieht – warum Klotüren so breit, warum Hauseingangstüren so schwer und wa-rum Brandschutztüren in aller Regel so unglaublich hässlich sind.«

Vieles von dem, was an Sicherheitsvorkehrungen, konstruktiven Lösungen, haustechnischen Maßnahmen, bauphysikalischen Ertüchtigungen und baulich-gestalterischen Entscheidungen getroffen wird, liegt außerhalb der Macht der Planer, so Frühwirth. »Und doch sind es die Architekten, die den Schwarzen Peter zugeschoben bekommen, wenn man sich wieder einmal über ein eigenartiges, womöglich sogar unpraktisches Detail wundert. Doch in Wirklichkeit sind auch sie nur Gefangene des Gesetzes.« Das war nicht immer so. Die Josephinische Feuer­ordnung, die als Faksimile in der Ausstellung aufliegen wird, gleicht einer dünnen Broschüre und umfasst gerade einmal ein paar Seiten.

Im Lauf der Zeit, erklärt Mayer, sei allein schon die Wiener Bauordnung in der kommentierten Fassung auf über 1.000 Seiten angewachsen. Hinzu kommen unzählige Bauvorschriften, Bautechnik-Richtlinien und länderabhängige Förderrichtlinien. Ganz zu schweigen von den rund 2.000 österreichischen Normen, die für die Baubranche relevant sind. Wie soll man als Planer da noch den Überblick bewahren? Über die Darstellung dieses Wahnsinns hinausgehend, widmet sich die Ausstellung »Form folgt Paragraph« nicht zuletzt aber auch einigen hypothetischen Fragen: Hätte die barocke Vielfalt Wiens, die Eleganz von Otto Wagners Stadtbahnstationen oder etwa eine kleinteilige, verwinkelte Treppenlösung à la Adolf Loos unter heutigen Regelwerken jemals entstehen können? Und wie würde der Karl-Marx-Hof, das Hochhaus in der Herrengasse oder etwa der Wohnturm am Matzleinsdorfer Platz aussehen, würden all diese Bauwerke heute errichtet werden? Studierende der TU Wien haben sich diesem Gedankenspiel gewidmet und zehn Wiener Architekturikonen gemäß den heute geltenden Para­graphen baulich adaptiert. Man darf gespannt sein.

»Letztendlich«, sagt Az W-Direktorin Angelika Fitz, »hat die Ausstellung mit uns allen zu tun. Denn jeder von uns ist heute Teil einer Vollkasko-Gesellschaft, die alles reglementiert haben will und bei jedem kleinsten Unfall über Haftung und Verantwortung diskutiert.« Bleibt also zu klären: Welche Regeln braucht eine Gesellschaft, um das Leben zu schützen und das Zusammenleben zu erleichtern? Welche sind überbordend, widersprüchlich oder erfüllen vor allem Partikularinteressen? Und welchen Beitrag kann jeder Einzelne von uns leisten, um wieder Licht und Luft in den Paragraphendschungel zu bringen?

Artikel von Wojciech Czaja:

Wojciech Czaja, geboren 1978 in Ruda Śląska , Polen, arbeitet als freischaffender Journalist für Tageszeitungen und Fachmagazine, u. a. für »Der Standard«. Er ist Autor zahlreicher Bücher, u. a. »Das Buch vom Land« (2015), »Überholz« (2016), »Der Erste Campus« (2017) und »Hektopolis. Ein Reiseführer in hundert Städte« (im Erscheinen). Außerdem lehrt er als Dozent an der Universität für angewandte Kunst in Wien sowie an der Kunstuniversität Linz und unterrichtet Kommunikation und Strategie für Architekten.


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