Eine Archäologie der Medien und Materialien

Zur Ausstellung »Material Traces«

Miryam Charim, Dorit Margreiter und Felicitas Thun-Hohenstein (v. l. n. r.) / Foto: Marlene Rahmann

Eine Ausstellung, die Felicitas Thun-Hohenstein für die Charim Galerie kuratiert, dreht sich um Vernetzungen, Ausweitungen und Extensionen beziehungsweise eine Engführung von Körper und Materialität. »Material Traces«, so der Name, der Programm ist.

Um »Intermaterialität« geht es Felicitas Thun-Hohenstein in der Ausstellung »Material Traces«, die sie für die Charim Galerie kuratiert und an der unter anderen Lynda Benglis, Carola Dertnig, Roberta Lima, Dorit Margreiter und Ingrid Wiener teilnehmen. »Das heißt«, erläutert Thun-Hohenstein, »das Material wird als gleichwertiges Element der bildenden Kunst im Verhältnis zu Konzept, Form, Körper behandelt – in seiner ›Eigensinnigkeit‹, mit der es in sich und in Beziehung mit Medialität, technischem Übertrag oder körperlicher Geste agiert und reagiert.« In den Arbeiten werde »eine Archäologie der Medien und Materialien« sichtbar gemacht, also »künstlerische Verfahrensweisen und zeitliche Prozesse im Zusammenspiel mit den verwendeten Materialien«.

»Ich habe der Kuratorin ganz freie Hand gelassen«, sagt Miryam Charim. »Nicht alle Teilnehmenden sind auch Künstler meiner Galerie. Außerdem enthält ›Material Traces‹ inhaltliche, gedankliche und ästhetische Erfahrungen, die ich alleine nicht produzieren könnte.« Dertnig etwa stellt eine mehrschichtige Arbeit vor, in der sie anhand von Filmstreifen mit Textilreplikationen von Ernst Schmidt jr. »Materialität und Medialität untereinander zur Diskussion stellt«. Lima bereitet eine interaktive Rauminstallation und eine Performance vor, die auch auf die Schleifmühlgasse ausfließen soll. Und Margreiter sagt zu ihren Langzeitbelichtungen: »Dafür werden Gegenstände, die Requisiten für einen Film oder Reste einer Performance sein könnten, für mindestens zwei Monate auf Papier gelegt. Eigentlich ein klassisch fotografischer Prozess, aber mit Sonnenlicht als ›Chemikalie‹. Die Gegenstände abstrahieren sich, weil sie im Zweidimensionalen nicht abbildbar sind, durch Licht und Schatten aber eine andere Materialität bekommen.«

»Das Immaterielle des Lichts«, ergänzt Thun-Hohenstein, »wird zum Produzenten oder Ko-Performer der Künstlerin. Die Kunst nutzt Technologie heute als Instrument, Fundus oder Archiv. In der Ausstellung geht es um Vernetzungen, Ausweitungen und Extensionen respektive eine Engführung von Körper und Materialität.« Die Kuratorin führt in einem von Julian Göthe gestalteten »Track Focus« ein mit Bezug auf Donna Haraway und Karen Barad entwickeltes Diskursgewebe weiter, das vergangenen März auch ihre und Berenice Pahls Ausstellung »Pro(s)thesis« in der Akademie der bildenden Künste bestimmte: »Wir gehen nicht als unbeschriebene Entitäten aufeinander zu, sondern immer in einem Miteinander zwischen Dingen, menschlichen Körpern, Raum, Zeit und Material.«

Artikel von Helmut Ploebst:

Helmut Ploebst, Wien, ist Autor – u. a. »VERSEHEN. Tanz in allen Medien« (Hg., mit Nicole Haitzinger, München 2011) –, Kritiker zeitgenössischer Choreografie/Performing Arts für »Der Standard« u. a., Publizist (u. a. CORPUSWEB.NET) sowie Performance-, Medien- und Kommunikationstheoretiker (v. a. Bruckneruniversität Linz).


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