Die Kunst hat sich zu jeder Zeit neuer Technologien bemächtigt

Neues Studium stellt sich globalen Herausforderungen

Gerald Bast und Eva Maria Stadler / Foto: Christian Wind

Ein neues Studium an der Universität für angewandte Kunst bildet Experten interdisziplinären Denkens aus. Warum gerade Kunst im Umgang mit aktuellen und künftigen globalen Problemen helfen kann und welche Rolle neue Technologien darin spielen, erklären Angewandte-Rektor Gerald Bast und Professorin Eva Maria Stadler im Gespräch mit dem Magazin der VIENNA ART WEEK.

In einer Welt, die immer stärker vernetzt ist und immer schnelllebiger wird, steht die Gesellschaft vor komplexen Herausforderungen. Um zukünftige Generationen mit notwendigen Lösungskompetenzen wie interdisziplinärem Denken und dem Umgang mit neuesten Technologien auszurüsten, startete die Universität für angewandte Kunst Wien im Herbst das Studium »Cross-Disciplinary Strategies – Applied Studies in Art, Science, Philosophy and Global Challenges«. Der vierjährige Bachelorlehrgang verbindet Wissen aus den Bereichen Kunst, Philosophie, neue Technologien, Ökonomie, Politik und Global Challenges.

Was hat Sie dazu bewogen, ein neues Studium einzuführen?
Gerald Bast: Was im aktuellen, auf Spezialisierung fokussierten Bildungssystem zu kurz kommt, ist die Verbindung zwischen den Wissenstürmen. Dieses Manko wird immer drastischer wahrnehmbar. Wir sehen, wie eine Vernetzung stattfindet, die Komplexität unserer Weltprobleme zunimmt. Dass der Umgang damit ein riesiges Problem in der heutigen Gesellschaft ist, merkt man auf dem Arbeitsmarkt und in der Politik. Die Leute können nicht mit Ungewissheit leben und schließen sich Rattenfängern an, die Sicherheit versprechen.
Eva Maria Stadler: Daher muss auch in den Lösungs­ansätzen eine Vernetzung stattfinden. Also verbinden wir künstlerische Methodenkompetenz mit dem Wissen neuester Technologien und naturwissenschaftlicher Fächer, um besser mit den globalen Herausforderungen umgehen zu können.

Mit dem Menschenrechtsexperten Manfred Nowak, der Molekularbiologin Renée Schroeder und dem Artificial-Intelligence-Experten Robert Trappl ist es Ihnen gelungen, hochkarätige Lehrende zu gewinnen …
Gerald Bast: Interessant ist, dass Leute solchen Kalibers sofort auf diese Idee anspringen. Unter den großen Wissenschaftlern herrscht Bewusstsein, dass das die Zukunft akademischer Bildung sein wird – natürlich im Tandem mit der Spezialisierung.

Wie hilft die künstlerische Herangehensweise bei der Lösung globaler Probleme?
Eva Maria Stadler: Die Aufgabe der Kunst ist es, Dinge aus einer anderen Perspektive anzuschauen. Sie vermittelt den Umgang mit Wissen, das man nicht auf Anhieb versteht. Man lernt, Fragen zu stellen und das Scheitern auszuhalten. Seit jeher hat die Kunst mit ihren Institutionen eine zentrale Rolle bei gesellschaftlichen Umwälzungen gespielt.
Gerald Bast: Neue Arbeitsfelder entstehen und mit ihnen der Bedarf nach neuen Fähigkeiten wie dem Umgang mit Risiko, Mehrdeutigkeit und Ungewissheit. Das alles sind Kompetenzen, die in der künstlerischen Produktion eingesetzt werden. Das ist der wesentliche Punkt, wieso wir Kunst in dieses Studium einbauen und weshalb wir kritisieren, dass sie in der Schule eine zu geringe Rolle spielt – das wird sich noch bitter rächen.

Auch der Umgang mit neuen Technologien wird immer wichtiger. Welche Rolle spielt die Kunst dabei?
Eva Maria Stadler: Die Kunst hat sich ja zu jeder Zeit neuester Technologien bemächtigt und deren Rolle gesellschaftlich erweitert.
Gerald Bast: Ohne Künstler wäre die rein technische Erfindung des Fernsehens oder des Internets nie etwas geworden. Kunst geht an die Grenzen des technisch Machbaren und darüber hinaus. Das wird jetzt wieder spannend, wenn die Kunst anfängt, mit synthetischer Biologie oder der Verbindung von künstlicher und natürlicher Intelligenz zu experimentieren.

Mehr Informationen zum Studium »Cross-Disciplinary Strategies –
Applied Studies in Art, Science, Philosophy and Global
Challenges«: www.dieangewandte.at/cds

Artikel von Salomea Krobath:

Salomea Krobath studierte Sozialwissenschaften und Chinesisch in den Niederlanden, in China und Großbritannien. Seit 2014 ist sie als freie Journalistin unter anderem für das Nachrichtenmagazin »profil« tätig.


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