Die Emotionen eines Computers interessieren mich nicht

Kunst und digitale Moderne – ein Gespräch

Christoph Thun-Hohenstein und Eva Grubinger / Foto: Christian Wind

Wenn sich die Welt durch digitale Technologien radikal verändert, brauchen wir die Kunst als Utopie. Sie müsse uns der Allmacht der Algorithmen entziehen und zum Zentrum einer neuen humanistischen Moderne werden, so Christoph Thun-Hohenstein, Generaldirektor des MAK – Österreichisches Museum für angewandte Kunst / Gegenwartskunst, zum diesjährigen Motto der VIENNA ART WEEK. Die Kunst, sind sich Thun-Hohenstein und die Künstlerin Eva Grubinger im Gespräch einig, spiele im Diskurs der digitalen Moderne eine wichtige Rolle.

Christoph Thun-Hohenstein: Täglich gibt es neue Innovationen, wir haben längst den Überblick verloren. Die Wissenschaft will immer neue Durchbrüche erzielen, Unternehmen sind am Erfolg ihrer digitalen Geschäftsmodelle interessiert. Weniger klar ist allerdings, wo das Gesamtbild dieser Entwicklungen verhandelt wird. Gerade hier sehe ich die Kunst und die Kunstinstitutionen sehr stark gefordert, diese Themen in den Mittelpunkt zu stellen. Die Entwicklung der digitalen Technologie ist kein Rand-, sondern ein Hauptthema unserer Zivilisation.

Eva Grubinger: Künstler haben sich immer schon mit der technologischen Entwicklung auseinandergesetzt und auch neue Technologien entwickelt, wenn sie diese für ihre Arbeiten gebraucht haben. Viele Themen, die in der Folge den Mainstream erreicht haben, waren in der Kunst schon vorgedacht. Allerdings habe ich den Eindruck, dass früher kritischere Fragen gestellt wurden. Heute hat das Internet, das anfänglich vielen als Raum mit enormem Freiheitspotenzial erschien, diesen Nimbus verloren. Der technologische Fortschritt birgt Gefahren, die vielen nicht bewusst sind. Bei jedem Posting, bei jedem Google-Suchauftrag wird künstliche Intelligenz trainiert. Das Gehirn selbst könnte in naher Zukunft zum Knotenpunkt eines immer größeren Netzwerkes werden. Ich möchte jedoch nicht, dass mein Gehirn jemand anderem gehört. In den 1970ern hat man gesagt: »Mein Bauch gehört mir.« Heute sollte der Slogan lauten: »Mein Gehirn gehört mir.« Eine Herausforderung für Künstler sehe ich darin, neue Bilder für diese Vorgänge zu schaffen.

Christoph Thun-Hohenstein: Künstliche Intelligenz wird erst ermöglicht, indem die Maschinen durch unsere Aktivitäten trainiert werden. Einschneidend war 2007 die Einführung des Smartphones. Es macht uns zu permanenten Lieferanten von Daten. Viele von uns organisieren mit dem Smartphone ihr gesamtes Leben, sowohl im Beruf als auch in der Freizeit – so kann ein Großteil der Menschen erfasst werden. Aufgrund der Daten, die wir liefern, ist es möglich, uns zielsicher Angebote zu machen, uns zu manipulieren, bis in den Bereich der Politik. Doch das Bewusstsein dafür ist nicht ausreichend vorhanden. Soziale Medien werden als gratis Angebot gesehen, sie sind aber das Gegenteil davon. Wir zahlen einen hohen Preis in Form von Informationen und Daten, die wir preisgeben, und bekommen im Gegenzug nichts dafür. Ich sage nicht, dass alles schlecht ist, doch wir haben – gegenüber der anfänglichen Euphorie – erlebt, dass sich der Kommerz mittlerweile perfekt der neuen Technologien bedient. Es muss eine Gegenbewegung starten, um die Technologien in einem längerfristigen, nachhaltigen Interesse der Menschheit zu nützen, Stichwort: ökologischer Fußabdruck. Algorithmen sind perfekt, um Einstellungen zu ändern und anstelle des Massenkonsums auch eine qualitätsbewusstere Kultur und Qualitätswachstum zu fördern. Das ist keine Frage des Budgets, sondern des Bewusstseins und der Verfügbarkeit nachhaltiger, erschwinglicher Angebote. Wir können uns derzeit »business as usual« nicht mehr leisten, weder in der Kunst noch in der Wirtschaft noch in der Gesellschaftspolitik. Die Wissenschaft arbeitet bereits an der Superintelligenz, die in der Lage ist, uns Menschen zu überholen, und damit lässt sich alles, was heute digital gesteuert wird, manipulieren. Bereits jetzt müssen wir aufpassen, dass wir nicht in eine völlige Manipulation unseres Alltags hineinschlittern.

Eva Grubinger: Aber wir sind gerade auf dem besten Weg dazu! Wir müssen nicht erst warten, bis eine Superintelligenz kommt, die Gefahr ist jetzt schon da. Auch wenn die Vorteile scheinbar überwiegen, wie etwa bei medizinischen Anwendungen behauptet wird. Wenn wir den Zugang zu viel Information mit Intelligenz gleichsetzen, sind wir auf dem Holzweg. Intelligenz hat damit zu tun, dass man etwas lernt, sich etwas erarbeitet. Oft wird behauptet, künstliche Intelligenz würde uns genau das abnehmen und uns so wieder mehr Zeit für die schönen Dinge schenken. Genau das – der Erwerb von Wissen, Arbeit, neue Erfahrungen, auch im Miteinander, Gefühle – macht aber die Schönheit des Lebens aus. Ich will keinen Computer, der Emotionen hat, es interessiert mich überhaupt nicht, die Emotionen eines Computers kennenzulernen.

Artikel von Silvie Aigner:

Silvie Aigner, Studium der Kunstgeschichte an der Universität Wien, Postgraduate-Studium für kulturelles Management an der Donau-Universität Krems. Doktorat am Institut für Kunstwissenschaften, Universität für angewandte Kunst Wien. Arbeitet als Autorin und Kuratorin vorwiegend im Bereich zeitgenössischer Kunst für internationale und österreichische Museen und Sammlungen. Seit Mai 2014 Chefredakteurin der Kunstzeitschrift »PARNASS« (www.parnass.at).


Share your selection:
Add event to selection