Der Zwiespalt der Innovation

Zum Status Quo von neuer Technologie und Gegenwartskunst

Isin Önol, Harald Krejci und Vanessa Joan Müller / Foto: Christian Wind

Den Open Studio Day der VIENNA ART WEEK 2017 kuratieren Harald Krejci, Vanessa Joan Müller und Isin Önol. Mit Angela Stief sprachen sie über Kunstwerke, die das Verhältnis von Kultur und Technik reflektieren, über Meilensteine künstlerischer Innovation und darüber, wie Kunstschaffende heute mit neuen Produktionsmitteln, beschleunigten Arbeitsprozessen und der Bedrohung durch digitale Überwachungsapparate umgehen.

Die Verbindung von Kunst und Technik, Mensch und Maschine ist alt. Sie inspirierte in Naturwissenschaft wie Kunst zu visionären Experimenten. Nimmt für Sie hier ein bestimmtes Kunstwerk eine bahnbrechende Rolle ein?
Harald Krejci: Nicolas Schöffers »CYSP 1« von 1956 ist die erste raumgreifende kybernetisch-kinetische Skulptur des 20. Jahrhunderts, die völlige Bewegungsautonomie erreicht und auf den Umraum intelligent reagiert hat. Wesentlich ist aber vor allem, dass sie im Bereich des Tanzes zum Einsatz kam und für die transdisziplinäre Arbeit zwischen Wissenschaft und Künsten wesentliche Impulse setzte.
Vanessa Joan Müller: Die Erfindung der Zentralperspektive in der italienischen Renaissance ist sicher ein Meilenstein im Zusammenspiel von Kunst und Wissenschaft. Die Virtual Reality denkt eigentlich nur konsequent weiter, was damals erfunden wurde: eine zweidimensionale Raumtiefe, die dreidimensionale Wirkung hat.

Welche Auswirkungen haben die technologischen Innovationen der vergangenen Jahre auf die zeitgenössische Kunst?
Harald Krejci: Sie forciert immer wieder die kritische Infragestellung der Technologien im Hinblick auf deren politischen, sozialen und gesellschaftlichen Nutzen oder Missbrauch. Für die Kunst bedeutet Technologie die experimentelle Infragestellung der Werkzeuge zur künstlerischen Produktion. Auch ein Pinsel ist Technologie …
Vanessa Joan Müller: Im Bereich von Video und digitaler Bildgestaltung hat sich enorm viel verändert. Die Produktionskosten sind wesentlich geringer geworden, gleichzeitig wird immer aufwendiger produziert. Formate verändern sich; manchmal sind Videos auf Online-Plattformen abrufbar, während gleichzeitig Galerien oder Institutionen eine installative Präsentation dieser Werke zeigen. Ich denke, dass sich in den kommenden Jahrzehnten die Betrachtung von Kunst häufiger von der Anforderung lösen wird, physisch vor einem Kunstwerk zu stehen.
Isin Önol: Einerseits hatte die Faszination neuer technischer Möglichkeiten großen Einfluss auf die zeitgenössische Kunst, andererseits findet eine Auseinandersetzung mit den neuen Technologien statt. Eine Reihe von Arbeiten zielt heute darauf ab, einen Raum für Reflexion und Kritik von Technologie, Wissenschaft und auch Kunst zu öffnen.

Die neuen Technologien haben Einzug in unseren Alltag gehalten. Einerseits erschließen sich durch die Beschleunigung von Kommunikationsprozessen und durch die internationale Vernetzung neue Möglichkeitsräume, andererseits bedrohen sie Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte. Welcher Künstler, welche Künstlerin reflektiert das besonders überzeugend?
Isin Önol: Der in New York lebende Künstler Burak Arikan hat umfassend zu komplexen Netzwerken gearbeitet und digitale Technologien eingesetzt, um die unsichtbaren Beziehungen von Machtstrukturen aufzudecken. Schon seit drei Jahrzehnten beschäftigt sich der mexikanisch-kanadische Künstler Rafael Lozano-Hemmer mit Technologie und der Bedeutung von Überwachung, Datensammlung und telematischen Netzwerken. Steve Mann, Kanada, hat den Begriff »Sousveillance« – »Unterwachung« – geprägt und ebenfalls die digitale Überwachung in seiner künstlerischen Forschung und seinen technologischen Beiträgen hinterfragt.
Harald Krejci: Herbert W. Franke setzte als Philosoph und Schriftsteller, der sich früh mit den Szenarios einer durchorganisierten, von digitalen Daten gesteuerten Gesellschaft beschäftigte, maßgebliche Impulse für die Netzkunst.
Vanessa Joan Müller: Trevor Paglen ist in diesem Kontext ein wichtiger Künstler, der sich auch als Aktivist versteht und über verschiedene Formen der Spionage forscht. Seine Fotografien und Filme wirken oft wie idealisierte Landschaftsbilder, doch an ihren Rändern sind Zeichen verdeckter Regierungsaktivitäten zu erkennen. Paglen operiert innerhalb des gesetzlichen Rahmens, wenn er sich auf keiner Landkarte verzeichneten Militärbasen in der Wüste nähert oder Anlagen fotografiert, die interkontinentale Unter­wasserkabel zur Datenübertragung abzapfen. Seine Werke zeigen, wie wenig die Privatsphäre in der digitalisierten Gegenwart noch gilt, und wirken trotz ihres explizit aufklärerischen Anspruches nie plakativ oder didaktisch.

Artikel von Angela Stief:

Angela Stief ist selbstständige Kuratorin und Publizistin. Studium der Kunstgeschichte und Philosophie. Kuratorin an der Kunsthalle Wien (2002–2013). Seit 2003 Lehraufträge im In- und Ausland. Regelmäßige Publikationen und Texte über zeitgenössische Kunst in Ausstellungskatalogen und Magazinen.


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