Den Thrill der Deadline mag ich noch immer!

Belvedere-Direktorin Stella Rollig im Gespräch

Stella Rollig / Foto: Marlene Rahmann

Seit Jänner 2017 ist Stella Rollig Generaldirektorin des Belvedere. Die gebürtige Wienerin leitete das Lentos Kunstmuseum Linz, wo sie mit Ausstellungen wie »Rabenmütter« oder »Der nackte Mann«, aber auch mit gewitzten Sammlungspräsentationen Aufsehen erregte: So lud sie Künstler ein, Räume aus den Beständen des Hauses zu gestalten, und zeigte ausschließlich Werke von Künstlerinnen aus den Lentos-Depots. Mit dem Magazin der VIENNA ART WEEK sprach Rollig über tolle Museen, Menschen, die sie prägten, und den Thrill der Deadline.

Welches internationale Museum ist in Ihren Augen besonders gut geführt?
Stella Rollig: Das Kunsthaus Zürich gefiel mir immer sehr gut. Die Bandbreite der Sammlung ist enorm. Schon früh in meiner Kunstbiografie entdeckte ich den Giacometti-Raum, eine prägende Erinnerung. Abgesehen davon ist das Haus bestens in Schuss. In manchem Museum ist jeder dritte Garderobekasten kaputt; in Zürich wird man so etwas nicht finden.

Gibt es in der Geschichte der Museumsdirektoren jemanden, der Sie geprägt hat?
Stella Rollig: Es gibt viele wichtige historische Figuren wie Alexander Dorner, aber geprägt haben mich Menschen aus meinem näheren Umfeld.

Zum Beispiel?
Stella Rollig: Mit 17 Jahren lernte ich im privaten Umfeld den Filmemacher Peter Kubelka kennen. Ich hörte seine heute legendären Vorträge und war fasziniert davon, wie er aus seinen Beobachtungen Kulturtheorien wob, wie er audiovisuelle Kunst zum Kochen und zu anderen Kulturtechniken in Beziehung setzte. Auch Wolfgang Kos, der später das Wien Museum leitete, war wichtig. Unter ihm startete ich meine Berufslaufbahn. Dass jemand, der um sich solches Chaos produziert wie er – sein Schreibtisch war ein undurchdringliches Gebirge an Schriften und anderem Material –, derart brillante Ergebnisse zustande bringt: Das beeindruckte mich sehr. Auch die Unabhängigkeit seines Denkens.

Damals arbeiteten Sie als Radiojournalistin. Gibt es aus dieser Zeit Erfahrungen, die für Ihre spätere Tätigkeit wichtig waren?
Stella Rollig: Vielleicht die, dass sich immer alles ausgeht – bei einer Ausstellung ebenso wie bei einer Sendung. Manchmal ist das Ergebnis großartig, manchmal durchschnittlich. Aber ich habe nie erlebt, dass etwas krachen geht – dass Sendepause herrscht oder der Ausstellungsraum leer bleibt. Und am liebsten schrieb ich die Moderation kurz vor dem Start der Sendung. Den Thrill der Deadline mag ich noch immer!

Sie studierten Kunstgeschichte und Germanistik. Welche Vorstellung hatten Sie denn damals von Ihrem späteren Beruf? Stella Rollig: Mein Hauptfach war Germanistik. Ich wollte einen Beruf ausüben, der mit dem Schreiben zu tun hat. Auf dem Institut war ich Außenseiterin, weil ich ein Doktoratsstudium gewählt hatte, die anderen studierten zumeist auf Lehramt. Das Milieu war etwas bieder. Ich wuchs zwar mit Kunst und Museumsbesuchen auf, als Berufsschwerpunkt war das jedoch nicht geplant. Aber weil mir auf der Germanistik fad war und ich im Nachtleben Studierende der Angewandten kennenlernte, geriet ich in die Kunstszene.

Erinnern Sie sich auch an Ihre Belvedere-Besuche als Kind?
Stella Rollig: Ich war relativ oft hier. Als Kind hat mich besonders Kokoschkas »Stillleben mit Hammel und Hyazinthe« fasziniert: Dieser tote Tierkörper und daneben die Schönheit der Blume, da ist eine ganz eigene Spannung drinnen!

Und welches Werk haben Sie in der jüngsten Vergangenheit, seit Sie das Haus leiten, neu entdeckt?
Stella Rollig: Giovanni Segantinis »Die bösen Mütter«. Es teilt mit anderen berühmten Werken das Schicksal, dass es abgedroschen erscheint, weil es zu oft abgebildet wurde. Aber es ist ein sehr ergreifendes Bild, das mich jetzt wieder gepackt hat, mit diesen Frauenfiguren, die geisterhaft auf den Bäumen flattern oder aus ihnen wachsen.

Wie schätzen Sie die Wiener Kunst- oder besser: Künstlerszene ein?
Stella Rollig: Mir fällt auf, dass die Generationen wenig miteinander zu tun haben. Sie bewegen sich in verschiedenen Institutionen und Milieus. Ich merke selbst bei mir die Gefahr, in meiner Generation picken zu bleiben.

Wäre nicht gerade das 21er Haus ein Ort, das aufzu­brechen?
Stella Rollig: Mittelfristig wollen wir einen Überblick über die Wiener Szene zeigen. Da wird sich dann die Gelegenheit dazu bieten.

Artikel von Nina Schedlmayer:

Nina Schedlmayer, geboren 1976. Studium der Kunstgeschichte in Wien und Hamburg. Nach Ausflügen in den Galerie- und Ausstellungsbetrieb seit 2004 freiberufliche Journalistin und Kunstkritikerin. Beiträge unter anderem in »profil«, »artmagazine.cc«, »Parnass«, »EIKON«, »Weltkunst« sowie »Kunst und Auktionen«. Zahlreiche Texte für Kataloge und Bücher. Lebt und arbeitet in Wien.


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