Das scheinbar Beiläufige ist wohlüberlegt

Kulturminister und Künstlerin im Gespräch

Stefanie Moshammer, Thomas Drozda und Rainer Novak (v.l.n.r.) / Foto: Marlene Rahmann

Mit Stefanie Moshammer, Künstlerin und Fotografin, sowie Thomas Drozda, Kulturminister und Regierungskoordinator, sprach Rainer Nowak über die Notwendigkeit der Inszenierung. Und darüber, warum was wo wie rezipiert wird.

Stefanie Moshammer, Sie fotografieren für Ihre Rio-de-Janeiro-Serie nicht inszenierte Motive, sondern Straßenszenen. Herr Minister, Ihr Regierungschef meinte, Politik sei zu zehn Prozent Inhalt und zu 90 Prozent Inszenierung. Wie ist das wahre, das ideale Verhältnis zwischen Echtem und Inszeniertem in Ihren Berufen?
Thomas Drozda: Das scheinbar Beiläufige ist wohlüberlegt, denke ich. Wenn man die Qualität Ihrer Arbeit kennt, ahnt man, dass dies nicht ein Schnappschuss oder ein Zufallsprodukt ist. Gewisse Anordnungen und Konstellationen sind interessant für Sie, das ist auch ein Aspekt von Inszenierung. Ich sehe den Widerspruch zwischen Inhalt und Inszenierung nicht so streng. Inszenierung dient dazu, Positionen zu klären, sich verständlich zu machen, das gilt insbesondere für die Politik.
Stefanie Moshammer: Ich glaube auch, dass der Wahrheitsgrad der wichtigste Punkt bei meiner Arbeit ist. Wenn der Grad der Inszenierung zu hoch ist, wird es schwierig. Bei mir ist es meist mein sehr subjektiver Zugang, der Inszenierung zulässt. Wie ich meine Arbeit präsentiere, das ist dann Inszenierung.

Ist Inszenierung nicht eine Form, Kontrollverlust zu verhindern? Man versucht auch, das Ergebnis beim Adressaten der künstlerischen Arbeit und der Politik zu bestimmen.
Stefanie Moshammer: Ich würde Inszenierung als Konzept verstehen, um die Arbeit für sich und andere verständlich zu machen. Verständlichkeit ist immer wichtiger.

Ist am Ende Ihre Arbeit immer so, wie Sie es selbst erwartet und geplant haben?
Stefanie Moshammer: Ich finde es sehr charmant, wenn der Zufall auch eine Rolle spielt. Das muss man zulassen, es ist nicht alles planbar. Auch Fehler müssen passieren, Makel macht es perfekt.

Zu perfekt, zu inszeniert, zu geschmeidig geht nicht.
Thomas Drozda: Stimmt. Der Reiz besteht darin, sich in der Kultur wo hinbringen zu lassen, wo man vorher nicht war oder hinwollte. Es gibt eine alte Theaterregel zur Inszenierung: Das Leichte ist immer das Schwierigste. Was so leicht und selbstverständlich daherkommt, ist am schwersten zu erarbeiten.

Es gibt eine weitere Gemeinsamkeit. Sowohl in der Politik als auch in der Kultur kann es mitunter vorkommen, dass das Ergebnis der Arbeit völlig anders – manchmal negativer – rezipiert wird, als man es erwartet hat. Und in die Kunst werden doch oft Inhalte hineininterpretiert, die so gar nicht gedacht waren, oder?
Stefanie Moshammer: Ich finde es sehr spannend, wie die eigene Arbeit gelesen oder gesehen wird. Ich versuche aber, das vorher nicht zu sehr im Hinterkopf zu haben. Das fände ich problematisch.
Thomas Drozda: In der Politik muss man sich von der Rezeption möglichst unabhängig machen, alles andere würde zu Magengeschwüren führen.

Das verstehe ich, aber es gibt ja nicht nur die Rezep­tion durch Journalisten, sondern auch die durch den Wähler. Die kann ganz anders aussehen.
Thomas Drozda: Die Ernsthaftigkeit ist in der Kunstkritik und in der Rezeption ganz anders und viel höher, als es bei den Pawlow’schen Reiz-Reflexen in der Politik der Fall ist.

Wo steht denn die österreichische Fotografie? In Sachen künstlerische Fotografie sind die österreichischen Medien nicht so weit wie deutsche Magazinbeilagen, etwa der »Zeit« oder der »Süddeutschen Zeitung«. Ist das generell so? Gehen wir stiefmütterlich mit Fotografie um?
Stefanie Moshammer: Wo die Fotografie in Österreich steht, ist schwer zu sagen. Aber ohne Ausland geht es ohnehin nicht. Meiner visuellen Sprache begegnet man außerhalb Österreichs fast aufgeschlossener.
Thomas Drozda: Fotografie ist eine publikumsstarke Kunstgattung, wie ich es etwa bei »Acting for the Camera« in der Albertina erlebt habe. Was vielleicht fehlt, ist ein Markt dafür in Österreich. Das lässt aber keinen Rückschluss auf die Qualität zu.

Wir können uns darauf einigen, dass mehr für Fotografie getan werden muss. Die österreichische Lösung: Wir bauen ein Museum.
Thomas Drozda: Das ist ein österreichischer Zugang, was aber nicht heißt, dass er falsch ist. Wir diskutieren das gerade intensiv. Es besteht auch die Möglichkeit, ein Haus der Fotografie an eine bestehende Sammlung, also ein Museum, anzudocken. Oder wir schaffen eine Stiftung für Fotografie, die das dezentral fördert.
Stefanie Moshammer: Ich finde die Idee eines eigenen Museums toll. Wichtig wäre dabei ein zeitgenössischer Zugang und kein historischer.

Artikel von Rainer Nowak:

Rainer Nowak ist Chefredakteur, Herausgeber und Geschäftsführer der Tageszeitung »Die Presse«. Nowak, seit 1994 Journalist, trat 1996 in die Redaktion der »Presse« ein, die er seit 2012 leitet. 2005 erhielt er den Staatspreis für Geistige Landesverteidigung, 2013 den Kurt-Vorhofer-Preis.


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