Bis ins kleinste Detail

Pieter Bruegel der Ältere

Sabine Haag und Elke Oberthaler / Foto: Christian Wind

Ab Oktober 2018 zeigt das Kunsthistorische Museum Wien »den ganzen Bruegel«: Zeichnungen, Druckgrafiken und natürlich Bildtafeln. Sie stehen im Mittelpunkt eines langjährigen Forschungsprojekts, das teils überraschende Erkenntnisse brachte.

Er gehört zu den berühmtesten Alten Meistern, ist eine der größten Attraktionen im Kunsthistorischen Museum Wien (KHM) – und doch technologisch kaum erforscht: Pieter Bruegel der Ältere. »Wir wollten die Werke für das Publikum ständig präsent haben und vermieden daher jede überflüssige Bewegung der Bilder vom normalen Standort, sei es für Restaurierung oder Fotoaufnahmen. Zudem werden diese Meisterwerke nicht ausgeliehen. So gab es bisher nur wenig echte Dokumentationen«, erklärt Sabine Haag, Generaldirektorin des KHM. Das änderte sich 2012 durch die finanzielle Unterstützung der Getty Panel Painting Initiative, die sich auf die Erforschung von Malerei auf Holztafeln konzentriert. Das Museum verfügt mit zwölf Bildtafeln über den größten Bestand weltweit.

Elke Oberthaler, leitende Restauratorin Gemäldegalerie, führt aus, dass man 470.000 Euro erhalten habe, »um zunächst einmal sechs Bilder auf ihre physische Stabilität zu untersuchen und zu dokumentieren«. Bald wurde entschieden, sämtliche Bruegel-Tafeln der Sammlung mittels Infrarot- und Röntgenaufnahmen zu erforschen. Daran schlossen sich sofort einige Fragen, wie Haag sagt: »Wohin wollen wir mit diesen Ergebnissen? Wie können wir diese verfügbar machen? Können wir sie auf andere Gemälde übertragen? Und vor allem: Wollen wir die Untersuchungen nur der engeren Wissenschaftsgemeinschaft zeigen oder wollen wir die Ergebnisse im Rahmen einer größeren Ausstellung mit unserem Publikum teilen?« Gerade die Verbindung von kunstgeschichtlichen und technologischen Erkenntnissen interessiere das Publikum sehr, und so sei aus dem Forschungsprojekt das Konzept für eine große Bruegel-Ausstellung entstanden. Ab Oktober 2018 wird eine Dokumentation der technologischen Untersuchungen mit den Bildtafeln, Zeichnungen und Druckgrafiken zu sehen sein, um »den ganzen Bruegel zu zeigen«, wie es Haag nennt.

Wer aber war Pieter Bruegel der Ältere? Über sein Leben ist nur wenig bekannt. Geboren wurde er um 1525/1530 vermutlich in Breda und 1569 starb er in Brüssel. Nur rund 40 Gemälde von seiner Hand sind überliefert, weit mehr dagegen von seinen Söhnen, Pieter Brueghel dem Jüngeren und Jan Brueghel dem Älteren. Keiner seiner Nachfahren kam aber je an die Brillanz des Begründers heran, in dessen Bildsprache die Komposition ausgeklügelt und jedes Detail Bedeutungsträger ist. Oft werde er unzutreffend als »Bauern-Bruegel« bezeichnet, erklärt Haag: »Natürlich war er der erste Maler, der Bauern in das Zentrum der Komposition gerückt hat – und nicht nur als Beigabe in den Hintergrund. Aber die Figuren sind nicht individuell ausdifferenziert, sondern Repräsentanten ihres Standes und Teil eines größeren Ganzen – das ist sehr typisch für Bruegel.« Und Oberthaler ergänzt: »Wir arbeiten mit einer Expertin für Kostüme zusammen, die uns zeigt, dass viele Figuren in den Bildern gar keine Bauern sind, sondern Bürger. Man sieht viele Stände.« Gerade die zahlreichen Details rücken auch im Zuge der Untersuchungen in den Fokus: »Bruegels Bilder sind enorm detailreich, die bis zu millimeterkleinen Elemente tragen meist eine klare Aussage. Die kann man als Besucher kaum sehen, darum arbeiten wir an einem neuen digitalen Werkzeug. Jedes Bild wird nach denselben Kriterien bei denselben Bedingungen aufgenommen, und alle zwölf Bilder können bald online ganz nahe betrachten werden, in verschiedenen Modi, also Infrarot, die Unterzeichnungen, als hochaufgelöste Gesamtaufnahme – das bleibt auch nach der Ausstellung.« Und sind bei den technologischen Untersuchungen auch Überraschungen zutage gekommen? Auf dem berühmten Bild »Der Große Turmbau« (1563) sieht man winzige Handwerker, Bauhütten, Kräne, Hebewerke; die rechte Bildseite zeigt das achte Stockwerk noch im Entstehen, aber schon jetzt deutet sich ein Scheitern des Baus an. Auf dieser Seite »fehlen sechs bis sieben Zentimeter, das können wir jetzt erstmals nachweisen, auch oben und unten ist das Bild beschnitten worden«. Wie die meisten Bildtafeln von Bruegel ist es in hervorragendem Zustand, »aber man sieht an den Bildern relativ viele mechanische Beschädigungen wie Kratzer und Dellen, weil die Besucher früher näher herangingen und darauf zeigten«. Anders ist es beim »Selbstmord des Saul« (1562), der aufwendig restauriert werden muss. Danach »wird man das Bild besser verstehen können und völlig neu sehen«, freut sich Sabine Haag.

Artikel von Sabine B. Vogel:

Sabine B. Vogel, promovierte Kunsthistorikerin. Seit 2003 Lektorin an der Universität für angewandte Kunst Wien; seit 1987 freie Kuratorin und Kunstkritikerin; seit 2009 Präsidentin AICA Austria.


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